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The Chapel Bar ist die heimliche Cocktail-Kapelle von Wien

Trinke mit deinem Nächsten: The Chapel Bar ist die heimliche Cocktail-Kapelle von Wien

Das Interior ist kirchlich dekoriert, die Karte strotzt vor Katholizismen, inklusive einem Chapel-unser-Gebet. Dass das in der Chapel Bar weder abgeschmackt noch klischeehaft wirkt, liegt am Speakeasy-Charme sowie einem hohen Qualitätsbewusstsein. Wir sind durch den Cocktail-Beichtstuhl getreten.

Giffard Alkoholfrei

Der Getränkereisende ist vom Selbstverständnis her ein Wallfahrer, ein Dürstender im Wortsinn, doch wer frohgemut diesen Jakobsweg beschreitet, der sollte, so denn Wien auf seiner Strecke liegt, darüber nachdenken, ob er den Stephansdom (1. Bezirk, nicht zu übersehen, karges kulinarisches Angebot) nicht lieber zugunsten einer klerikalen Alternative im 15. Bezirk links liegen lassen sollte, nämlich der Chapel Bar in der Haidmannsgasse (ganz leicht zu übersehen, Kulinarik dafür dem Stephansdom weit überlegen). In der Religion wie in der Gastronomie gilt schließlich gleichermaßen: um die Inhalte geht’s.

Seit 2019 bereichert The Chapel das Wiener Nachtleben
Seit 2019 bereichert The Chapel das Wiener Nachtleben

The Chapel Bar

Haidmannsgasse 8
1150 Österreich

Explosive Entwicklung als Barstadt

Gerade in Wien kann man sich ja leicht durch die Äußerlichkeiten ablenken lassen; Wien ist in der Beziehung eine eigenartige Stadt. Der Wiener selbst verortet seine Heimatstadt von der Attraktivität her meist irgendwo zwischen Hämorrhoidalblutung und Guantanamo, aber möglicherweise kokettiert er auch nur mit der penetranten Pittoreske einer Stadt, in der Touristen oft genug vor einem vermeintlichen Kaiserpalast verharren, der sich am Ende doch nur als K. u. K. Hornhauthobelmanufaktur herausstellt.

Niemand aber spricht schlecht über die heimische Küche, nicht nur des Schnitzels wegen, und auch die Kaffeekultur genießt quasireligiösen Status – die explosive Entwicklung, die Wien als Barstadt in den letzten Jahren genommen hat, ist da nur folgerichtig. In Städten wie Wien, die aus ihrer Vergangenheit so viel Kapital schlagen, ist es manchmal schwierig, in die Zukunft zu denken; andererseits ist Wien immerhin eine Stadt, in der auch Menschen zu Ruhm gelangen können, obwohl sie mit Vornamen „Heimito“ heißen. Das macht Mut.

Vor der Chapel Bar war das Travel Shack

Der Ursprung der Chapel Bar jedenfalls hat schon auch etwas Missionarisches, vor allem auch deshalb, weil ihr Besitzer, der gebürtige Tiroler Franz Unterrainer, mit typisch gebirglerischem Beharrungsvermögen wenig an das glauben wollte, was die vermeintlich Besserwissenden für unklug oder gar unmöglich halten wollten. So entstand dann vor mehr als 15 Jahren das Travel Shack, eine Party- und Studentenbar am Mariahilfer Gürtel, einer Gegend mit Rotlichtaffinität, im lokalen Idiom als „Glasscherbenviertel“ apostrophiert und für die gewöhnlichen Party People eher abschreckend – und dennoch wurde das Travel Shack zum Erfolg, dessen Licht die umgebende Dunkelheit erhellte.

Die Reputation aus diesem Erfolg verschaffte ihm dann ein nicht weit entfernt gelegenes Restaurant mit einem brachliegenden Hinterzimmer, das zusammen mit dem ehemaligen Schuhgeschäft nebenan und einem alten Beichtstuhl (vermutlich aus einer zölibatskonnotierten Pfarreieninsolvenz) zur Keimzelle der Chapel Bar wurde. Diese ist, dem Beichtstuhl-Charakter entsprechend, ein Speakeasy, aber die Erreichbarkeit lässt sich ganz unkompliziert bei einem Bier in der Wirtschaft nebenan erfragen, und das ist sowieso keine schlechte Cocktail-Präliminarie.

Die Bar selbst ist in einem Maß, das kurz vor dem Kitsch noch die Kurve kriegt, kirchlich dekoriert, und auch die Karte strotzt vor Katholizismen, inklusive einem Chapel-unser-Gebet. Das Ganze könnte sehr abgeschmackt wirken, tut es aber nicht, weil das Ambiente tatsächlich mit sehr viel Charme und einem Qualitätsbewusstsein, das ebenfalls gebirglerisch sein könnte, von Franz Unterrainer gestaltet wurde. Die Holzverkleidungen hat er eigenhändig abgeflämmt, und voller Stolz führt er seinen selbst ertüftelten Trockeneis-Bereiter vor. Die Bar wirkt dadurch einfach stimmig und gemütlich und hat auch nichts von einer billigen Porno-Kulisse, wobei, wie sagte einst Dr. House? „Wenn Pornos böse wären, würden da ja kaum so viele Nonnen mitspielen.“ Und schließlich hat ja sogar das Paradiso in Barcelona (ungewollt) einschlägige Erfahrungen machen müssen. Anyway.

Cocktail Unser: Die Drinks finden sich in einer kleinen Bibel
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Bei allen Spielereien mit Namen und Konzept, ist The Chapel nicht zuletzt eine moderne Bar im Speakeasy-Stil
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The Chapel Bar hat für jeden was im Angebot

Unterrainer ist ein anpackender, begeisterungsfähiger Gastronom, der vieles kann, dabei aber über ein Talent verfügt, das tatsächlich vielen sogenannten Machern abgeht: Er kann es sich auch eingestehen, wenn er etwas nicht kann, und deshalb hat er sich für die mixologische Seite der Bar Marcus Philipp (jetzt Pink Rabbit) und Marius Willenbücher geholt; Letzterer ist nun seit vier Jahren vor Ort und hat seinen Chef mittlerweile davon überzeugt, dass man ihm bei der Konzipierung des Cocktail-Menüs nicht mehr dreinreden muss.

Muss man auch nicht.

Die Karte ist vielseitig und spielt sich demokratisch durch alle Spirituosen- und Geschmacksrichtungen. Dreierlei Rum mit Orange, Limette und einer Reis-Horchata, das klingt und schmeckt mächtig. Und gut. Divine Intervention nennt sich das Gerät, das einen recht wirkmächtigen Gott evoziert. Der Bramble-Twist ist frisch und aromatisch, der Sodom und Gomorrha dann wieder schmeckt angemessen verführerisch, mit einer ganz speziellen Note durch die Kalamansi-Orange. Gut, wer die Bibel aufmerksam gelesen hat, der findet auch genug angenehmere Alternativen dazu, mit Moses durch die Wüste zu latschen.

Alles in Allem ist für jeden was dabei, und eine Bar wie diese braucht ja auch ihre Guilty Pleasures, oder auch ihre kleinen Initiationsriten, wie etwa den Pickleback, der als siebte Sünde bei den Shots zu finden ist. Andererseits tüftelt sich Willenbücher auch gerade in die Sous Pression-Technik von Iain McPherson hinein, und auf den angekündigten Bombay-Crushed-Gimlet darf man sich freuen. Optisch spürt man einen Hauch Marian Beke vor sich, wenn auf dem Tresen die Cocktails in ihrem jeweils eigenen Miniatur-Wunderland entstehen: ob nun Damenschuh, Schatzkiste oder Zen-Garten, da werden Drinks wohl auch nach ihrer Instagrammabiliy aufgebaut. Wurschtegal, solange es schmeckt, und möglicherweise ist der Unterrainer da auch so einer Sache auf der Spur, nämlich, dass eine Bar mit 50 Signature Drinks in fünf Jahren, die alle gleichermaßen geklärt in der gleichen Nick & Nora schwimmend gleich aussehen, social-media-mäßig ihre PS nicht wirklich auf die Straße bringt, zeitgemäße Stilistik hin oder her.

Es gibt ja ein untrügliches Qualitätssignal für eine Bar: Wenn man da die Kollegen aus den anderen Bars trifft, und das tut man in der Chapel Bar. Obwohl der 15. Bezirk ja nicht gerade von den üblichen Pfaden der Nachtschwärmer gekreuzt wird. Die Fellowship of the Jigger muss von ihrer jeweiligen Stammbar aus meist den sprichwörtlichen Weg durch die Minen von Moria nehmen, um in der Chapel aufzuschlagen – aber sie macht das, und das spricht für sich.

Smoked Drinks sind bekanntermaßen der Weihrauch der Bar
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Marius Willenbücher ist hauptverantwortlich für das Cocktail-Programm
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Zwischen Katholisierung und Karbonisierung

Noch einen letzten Grund muss man anfügen, der ganz vehement für die Chapel Bar spricht. Können Sie sich an einen für die Barwelt kontroversesten Artikel des letzten Jahres erinnern? Wissen Sie, worum es da ging? Me too, Gendern, ökologischer Fußabdruck? Mitnichten. Es ging um Popcorn. Und dessen Eignung als Bar-Food. Ich will das Fass nicht wieder aufmachen, aber, bei Gott, und zwar ganz egal bei welchem: die segensreiche Transsubstantion eines Käsekrainers zu später Stunde, mit Senf und frisch geriebenem Kren, die erweckt auch im verstocktesten Sünder den Wunsch, wieder Gutes für die Welt zu leisten; außerdem verleiht sie ihm auch die Kraft dazu.

Schau, sagt der Koch und schüttelt dem Bartender die Hand: Hamma den Bub doch wieder katholisch g’macht.

Giffard Alkoholfrei
Credits

Foto: The Chapel Bar

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