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Quo vadis Tonic? Ist Tonic Water in der Identitätskrise?

Die Folgen des Hypes: Hat Tonic Water ein Identitätsproblem?

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lle Welt trinkt Tonic Water. Das ist erstmal schön. Aber ist das alles auch wirklich Tonic? Oder führen wir da nur noch ein Wort spazieren? Eine kleine Abhandlung mit einem Aufruf, diesen schönen Begriff zurückhaltend zu benutzen.

Ich bin irritiert: Ich hatte ein Tonic Water bestellt. Das stand da doch in der Karte. Mittagshitze sowie die Sehnsucht nach Erfrischung, kühlem Kopf und anregender Bitterkeit ließen mich auf die Idee kommen, nach vielen Jahren mal wieder ein pures Tonic Water zu ordern. Da ruht es nun, das Tonic Water, klar und perlend auf den Eiswürfeln. Das Glas ist von außen appetitlich beschlagen, und über dem Eis tanzen diese ganz kleinen Blasen und hüpfenden Tröpfchen, die es nur bei ganz frisch geöffnetem Soda gibt, ihr Ballett.

»Ich bin Verleger, und das ist ein großes Wort mit prachtvollen Assoziationen, dessen betriebswirtschaftliche Entsprechung aber auch auf erstaunlich wenigen Quadratmetern Platz finden kann.«

Wenn Tonic Water nicht mehr nach Tonic Water schmeckt

Allein, es schmeckt nicht nach Tonic Water. Ich schaue mir das zugegebenermaßen unheimlich elegant und geschmackvoll designte Fläschchen näher an, was die Antwort bringt: Es handelt sich um ein „Herbal & Floral Tonic“. Okay, nun ist alles klar. Ich hatte eigentlich nur ein Tonic bestellt. Nicht sowas. Das wollte ich vermeiden. Nun ist es also passiert.

Es mag übertrieben klingen und vielleicht auch wie Hysterie, aber: Tonic Water hat plötzlich ein Identitätsproblem. Dieses Problem liegt weniger in seiner Natur, es liegt in der Sprache und den Vorgängen, die in Gang kommen, wenn etwas zum Trend, zum Mainstream wird.

Die Folgen des Hypes zwischen Erweiterung und Aufweichung

Irgendwann zu Beginn dieses Jahrzehnts, als der heute flächendeckende Gin-Boom noch ein Böömchen war, gab es plötzlich nicht mehr nur Schweppes Indian Tonic Water. Ein echter Markt entstand. Die Geschichte ist inzwischen ein alter Hut: Thomas Henry und Fever-Tree kamen, irgend jemand sorgte dafür, dass Fentimans regulär erhältlich wurde und der Rest ist Geschichte. Tonic Water wurde vom mehr oder weniger synonymen Produkt zu einer Kategorie.

Und dann, kurz darauf, ging das los, was die Puristen fürchten, die Markenentwickler (und viele Konsumenten) aber lieben: Die Kategorie wurde erweitert. Erste Tonics kamen hinzu, die mit Aromatisierung punkteten. Was in Spanien, wo Tonic Water schon lange eine Alltagslimonade darstellt, längst gängig war, wurde im Rest der trinkenden Welt zum Trend: Tonics mit Essenzen aus Blüten oder Kräutern, mit Namenszusätzen wie „Floral“, „Blossom“, „Herbal“ oder „Mediterranean“ wurden lanciert.

Ohne reichlich Tonikum kein Tonic

Das wäre grundsätzlich nicht schlimm, zusätzliche Aromen sind ja prinzipiell keine Bösartigkeit. Doch aus der Erweiterung wurde eine Aufweichung, weil dem Tonic Water im Zuge dessen vielfach das verloren geht, was es zum eigentlichen Tonikum macht – nämlich die Bitterkeit. Auch das ist ein nachvollziehbarer Schritt: Hey, wird man sich in so manchem Kreativbüro gesagt haben, wenn Gin & Tonic ein Trend ist, an dem Leute teilnehmen wollen, obwohl ihnen das Produkt aufgrund einer seiner Kerneigenschaften nicht schmeckt, dann geben wir ihnen durch neue Produkte das Gefühl, dass sie trotzdem mitmachen dürfen.

Tonic hat mittlerweile die gleichen Luxusprobleme wie sein Bruder Gin

Und genau dort beginnt das angesprochene Identitätsproblem von Tonic Water im Jahre 2019. In ähnlicher Weise, wie viele neue Gins von Fachleuten heiß diskutiert werden, weil sie nicht mehr wie Gin schmecken (und teils wirklich nur randständig der EU-Definition entsprechen), gibt es heute zahlreiche Tonic Waters, die – streng genommen – nicht mehr nach Tonic Water schmecken.

Und dabei sollen diese Getränke für sich genommen nicht geschmäht werden: Es spricht nichts gegen eine Limonade, die irgendwo mal mit Chinin in Verbindung gekommen ist, ansonsten aber eindeutig durch Rosmarin, Lavendel und Holunderblüte geprägt ist. Der Geschmack ist nicht das Problem. Das Problem ist ein sprachliches. Denn es stört niemanden, wenn man seinen Gin mit etwas auffüllt, das tendenziell nach Almdudler schmeckt. Abzulehnen ist jedoch, ein solches Produkt aufgrund eines Verkaufstrends mit einem Begriff zu benennen, der etwas vollkommen anderes meint.

Das Tonic-Problem liegt in der Sprache

Und auch dabei wiederum ist das Problem nicht, Sprachkonservatismus zu betreiben oder schlicht den griesgrämigen old white man hinter der Bar zu spielen, der sich vor Neuem fürchtet. Sondern es gefährdet die Identität eines eigentlich klar umrissenen Produktes namens Tonic Water: Ein kraftvoll bitteres Soda mit vergleichsweise starker Struktur aus Süße und Säure, dazu mehr oder weniger zarte, klassische Seitenaromen – vorwiegend Zitrus, dazu vielleicht mal eine Spur Ingwer oder Limettenblatt. Aber eben auch nicht mehr.

Die Folgen des Mainstreams: Beschwerden über zu bitteres Tonic?

Freilich kann man innerhalb dieser Gattung mit Innovation spielen. Niemand will einen musealen Zustand. Doch die „Gefahr“ der aktuellen Entwicklung ist, dass es bald passieren könnte, dass sich ein Bartender vor Gästen rechtfertigen muss, die erst seit zwei Jahren Gin & Tonic trinken und eigentlich noch niemals ein richtiges Tonic getrunken haben. Serviert eine Bar solchen Leuten dann ein klassisches, bitteres und erwachsenes Tonic Water, muss sich der Bartender am Ende womöglich dafür rechtfertigen, dass er ein charakteristisches Produkt serviert hat. Und es ist auch im Jahr 2019 kein Vergehen, in einer Bar nur ein oder zwei wirklich klassische Tonics vorzuhalten.

„Dry“ zeigt uns: es geht auch anders

Den Firmen und Brands, die diesen Trend erzeugt haben und bedienen, ist kein kategorialer Vorwurf zu machen. Aber sie müssen an ihrer Sprache arbeiten, um den Kern der Kategorie nicht zu sehr zu erodieren. Man kann heute sogenannte Tonics kaufen, die mit Grünem Tee, Kakaobohnen oder Cold-Brew-Kaffee hergestellt werden und die in recht vielen Fällen nicht mehr wirklich bitter schmecken. Daran ist nichts falsch. Doch es gilt zu überlegen, inwiefern man sich – auch als Hersteller – einen Gefallen tut, das alles wirklich noch als „Tonic“ in den Markt zu schmeißen. Dass viele Hersteller gleichzeitig durch „Dry“-Spielarten auch die Bedürfnisse anspruchsvoller, klassischer Genießer beliefern, zeigt ja, dass Kenntnis und Sensibilität für eine sinnvolle Erweiterung der Kategorie absolut vorhanden sind.

Trotz Hype: No Offense, Rosmarin!

Zwar muss man solch einen Sachverhalt keinem professionellen Bartender erklären; wohl aber den vielen Verbrauchern, die sich gerade jetzt erst mit Tonic Water zu beschäftigen anfangen. Wenn überall „Tonic“ draufsteht, aber nicht mehr drin ist, dann geht der Kern des Begriffs verloren, bis er irgendwann nur noch meint: „Kann man übrigens mit Gin mischen“. Dass dieser klare, bis vor dem Hype auch sprachlich präzise verwendete und so wunderschön klingende Begriff ins Schwammige abgleitet und irgendwann in einer Reihe mit den verwaschenen Müllvokabeln „Craft“ und „Premium“ auf der barkulturellen Resterampe landet, kann keiner wollen.

Und nein: Ich habe nichts gegen Rosmarin, Lavendel und Holunderblüte. Ich nenne sie halt aber auch so.

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