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„Unsere Drinks von 2006 könnten heute noch in einer modernen Bar bestehen.“

Bastian Heuser und Steffen Lohr sind bekannt als die Spreewood Distillers. In ihren früheren Leben haben die beiden die Barszene jedoch auf andere Weise geprägt, ob als Pioniere des Cuisine Style, Markenbotschafter oder Konzept-Vordenker. Dies ist die gemeinsame Geschichte der beiden, lange bevor sie Stork Whiskey gegründet haben.

Die Popkultur hat sie reichlich: ikonische Duos, die immer wieder auftauchen und die Welt retten, oder dies zumindest versuchen. Ob Tim und Struppi, Hanni und Nanni oder Bimmel und Bommel – auch wenn sie nicht permanent präsent sind, kennt sie fast jeder, weiß aber nur selten, wo sie herkommen.

Man muss aber gar nicht in die Welt der Helden und Schurken abtauchen. Es gibt diese Duos auch in der aktuellen Barwelt. Selbst den jüngsten Mitgliedern unserer Community dürften die Namen Bastian Heuser und Steffen Lohr als die Köpfe von und hinter Stork Whiskey geläufig sein. Als Spirituosenfabrikanten etabliert, rollen sie das Roggen-Feld derzeit neu auf. Dass die beiden aber ursprünglich keine Spreewälder sind, sondern in den vergangenen 15-20 Jahren einen erheblichen Einfluss auf die hiesige Barkultur hatten, tritt dabei schnell in den Schatten.

Bastian Heuser: Erweckungserlebnis London

Bastian Heuser wie Steffen Lohr starteten ihre Werdegänge in der Bar, allerdings auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Heuser hatte sich während seiner Ausbildung in Köln in die Arbeit hinter dem Tresen verliebt und schnell erkannt, dass das Thema Bar und Cocktails andernorts bereits auf einem ganz anderen Level interpretiert wurde. Also packte er die Koffer und schlug für zwei Jahre die Zelte in Europas damaliger Cocktail-Hauptstadt London auf. Hier waren Bars weniger Anhängsel für Restaurants oder Zufluchtsorte, sondern wurden bereits in der Breite als eigene Konzepte und Ideen gedacht. Erst in London habe er wirklich gelernt, was es heißt, den ganzen Abend unter Hochdruck zu arbeiten: „Meist wurde sechs Stunden geschickt wie verrückt, um danach dann für drei Stunden die Bar wieder auf Vordermann zu bringen.“ Stand er nicht hinterm Tresen, besuchte er die Kollegen in anderen Bars, um deren kreative Prozesse aufzusaugen.

In diese Zeit fallen auch die ersten Schritte, mit denen die internationale Barszene begann, sich zaghaft zu vernetzen. „Im Rückblick konnte man auf der London Barshow 2004 wahrscheinlich zehn Bartender aus dem deutschsprachigen Raum finden“, so Heuser. Diese Anzahl vergrößerte sich von Jahr zu Jahr, die London Barshow sollte zum Treffpunkt der Szene sowie Ausgangspunkt vieler neuer Trends und Ideen für die Barwelt werden.

Steffen Lohr beginnt in Rostock

Gleichzeitig entschied sich der zweite Teil unseres „dynamischen Duos“, Steffen Lohr, in Offenbach dazu, Bartender zu werden. Dem Rat seiner Mutter folgend, die Karriere doch mit etwas zu beginnen, „das man einrahmen kann“, ging er an die Ostsee in die Barschule Rostock, um sich dort das theoretische und praktische Rüstzeug für die klassische Bar zu holen.

Mit dem Zertifikat unter dem Arm zurück in der hessischen Heimat, begann er in der damals weitestgehend unbekannten „Biancalani Bar“ in Frankfurt (unter dem leider viel zu früh verstorbenen Davide Demarchi) die Arbeit hinter dem Tresen. Hier sollte er nicht nur dem damals recht modernen Cuisine Style und gänzlich frischen Zutaten begegnen, sondern auch Bastian Heuser, der kurz nach ihm zum Team stieß, um seine Erfahrungen aus London an die Kollegen – und vor allem an den selbsternannten Rohdiamanten Lohr – weiterzugeben.

Zusammen schaffte man es in recht kurzer Zeit, der Bar ein scharfes Profil zu geben und sie weit über die Grenzen Sachsenhausens bekannt zu machen. Ein Blick auf die Karte von 2006 zeigt, dass man sich damals schon sehr progressiv mit Drinks auseinandersetzte. Neben Kombucha, Tamarindensaft oder Ginger Beer finden sich wie selbstverständlich Rosmarin, Salbei und – all hail the King – frisches Basilikum in den Rezepturen. Auch bei den Spirituosen erkennt man bereits eine klare Handschrift, was Stil und Auswahl anging. Man kann nachvollziehen, wenn Lohr keinen Favoriten aus dieser Karte benennen kann oder möchte. Er geht soweit, zu behaupten, auch heute noch „mit den meisten Drinks dieser Karte in einer modernen Bar bestehen zu können“. Von technischen Finessen und kleinen Details abgesehen, hat er da mit Sicherheit Recht.

Die erste Weggabelung

Die digitale Vernetzung, Kontakte zu Bartendern in anderen Städten und nicht zuletzt gemeinsame Besuche bekannter Bars und verschiedener Workshops in London führten zu einem immer regeren Austausch untereinander – und vor allem dazu, dass immer mehr Bartender ihren Beruf in einem anderen Licht sahen und begannen, sich intensiver mit Drinks und ihren Zutaten auseinander zu setzen.

Hier zerbricht auch die erste Arbeits-Ehe unserer Protagonisten. Während Lohr den jüngeren Kollegen in der Bar Biancalani seine Liebe zu poliertem Edelstahl weitergab, folgte Heuser nach etwa einem Jahr am Main dem Ruf in die Hauptstadt: Er schloss sich in Berlin der MIXOLOGY-Redaktion an, um die neuen Trends und Bewegungen der Barszene auf Papier festzuhalten. Gleichzeitig beriet er mit seiner eigenen Agentur verschiedene Brands und kreierte erste Konzepte für Spirituosenfirmen, um mit diesen in verschiedenen Städten Workshops für Bartender abzuhalten. Später war er Mitgründer des Bar Convent Berlin (BCB).

In dieser Zeit liegt auch die erste Begegnung zwischen dem Autoren dieser Zeilen und Bastian Heuser, der etwa 2007 dem Who is Who der Münchener Barszene – und eben mir – Bourbon mit Espuma servierte und dazu anregte, neu über Drinks nachzudenken. Was retrospektiv wie eine aalglatte Rutschpartie aussieht, hatte aber doch den ein oder anderen Stolperer. Noch heute schlägt Heuser die Hände vors Gesicht, wenn man ihn auf eine Zigarren-Infusion anspricht, die in einer alten MIXOLOGY-Ausgabe abgedruckt und gleich im nächsten Heft wieder zurückgerufen wurde. „Ich weiß nicht, wie viel Rum daraufhin zwischen Hamburg und München weggeschüttet wurde, aber es war auf jeden Fall ein Wendepunkt in meiner Herangehensweise an gewisse Themen. Ein anderes Hinterfragen dessen, was man da eigentlich macht, und ob neben der reinen Machbarkeit vielleicht noch andere Punkte zu beachten sind.“

Steffen Lohr prägt als Markenbotschafter für Bacardi

Für Steffen Lohr führte der Weg aus Frankfurt erstmal direkt nach Melbourne. Ein Jahr lang holte sich unser Rohdiamant in der Bar „Der Raum“ von Matthew Bax einen weiteren Feinschliff, indem er sich mit der Barkultur Down Under eine neue Facette in die Vita polierte.

Das zeitlich begrenzte Visum war dann allerdings nach nur zwölf Monaten der Grund, sich wieder mit dem europäischen Arbeitsmarkt auseinanderzusetzen, und so entschied er sich, seine Begeisterung für Bars und Drinks nicht mehr nur an Gäste und Kollegen weiterzugeben, sondern als Brand Ambassador für Bacardi einen größeren Kreis an Bartendern für eine Sache zu begeistern; ein durchaus erfolgreicher Teil seiner Karriere, und für viele, die involviert waren, mit unvergesslichen Erlebnissen verbunden, aber eben auch kein Job, „den man bis ins Rentenalter machen kann“.

Schicksalshafter Kauf im Spreewald

Und so kam es dann 2012 zur Wiedervereinigung der beiden, in dem sie endgültig die Tresenseite wechselten und gemeinsam in ihrer Agentur „Small Big Brands“ (gemeinsam mit Sebastian Brack, Anm.) den Spirituosenfirmen erklärten, womit diese Bartendern nachhaltig eine Freude machen können.

Dies klappte auch sehr gut, bis sie sich eben irgendwann überlegten, ein Fass Whiskey im Spreewald zu kaufen, um dann mit einer ganzen Destille wieder nach Hause zu kommen. Aber an dieser Geschichte wird bekanntermaßen aktuell noch geschrieben …

Credits

Foto: Bastian Heuser – Bearbeitung: Editienne

Comments (1)

  • Peter Schütte

    Klasse die „Herren! Auch ich habe mir damals viel Inspiration von den beiden geholt. Danke auch dafür lieber Steffen, lieber Bastian. Und gut das es hier seinerzeit auch schon die Berichterstattung dazu gab lieber Nils.
    Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft.

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