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Corona Chronicles Teil 2, 15. März 2020: Mehr Schließungen, erste Improvisationsversuche

MIXOLOGY wird seine Online-Präsenz in den nächsten Wochen dafür nutzen, die Bar-Community zu unterstützen und zu begleiten. Unter den Corona Chronicles werden wir versuchen, Aufklärung zu bringen, die Szene zu vernetzen – und nicht zuletzt auch Erleichterung in den Alltag zu bringen.

Mit den politischen Entscheidungen, die die Verbreitung des Coronavirus eindämmen sollen, ist aktuell kaum Schritt zu halten. Schon am Abend unseres ersten Textes beschloß man in Berlin, alle Bars und Kneipen ab Dienstag, dem 17.3., zu schließen. Nur wenige Stunden später wurde dieses Urteil revidiert bzw. vorverlegt. Nun herrscht bereits seit Samstag, dem 14.3, ein Öffnungsverbot. Bars wie Hildegard, Stairs oder Basalt habe sich auf Instagram verabschiedet.

In Berlin sind mittlerweile auch Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen verboten, Gaststätten müssen einen Abstand von mindestens 1,5 Metern zwischen Tischen und Gästen gewährleisten, selbst Fitnesscenter müssen schließen.

Landesweite Schließung eine Frage der Zeit

Neben Berlin und Stuttgart haben auch Köln und Schleswig-Holstein Öffnungsverbot erteilt, eine landesweite Schließung von Bars ist im Grunde eine Frage der Zeit. Manche Bars in Städten, in denen noch kein Verbot herrscht, öffnen ihre Tresen. Andere, die noch öffnen dürften, schließen bereits freiwillig.

Das bringt die vorherrschende Gespaltenheit gut auf den Punkt: Auf der einen Seite eine Fraktion, die die Maßnahmen für womöglich übertrieben hält und – nicht unverständlicherweise – noch die letzten Einnahmen mitnehmen will. Dort die Fraktion, die erkennt, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung ist, durch den weiteren Betrieb nicht potentiell zur Streuung des Viruses beizutragen.

Zumachen ist die richtige Wahl

Und letzteres ist die richtige Wahl. Es geht im Augenblick schlichtweg darum, das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Südliche Länder und deren Corona-Verbreitungskurve sind Warnung genug. Italien ist in Quarantäne – auch wenn es singt. Spanien verkündet den nationalen Notstand und schränkt seit Samstag die öffentliche Bewegungsfreiheit ein; Bürger dürfen nur noch zum Einkauf und zur Arbeit nach draußen. Geschäfte außer Lebensmittelläden und Apotheken bleiben geschlossen. Frankreich verkündet die Schließung aller öffentlichen Einrichtungen.

Man muss nicht unbedingt in eine Kristallkugel blicken, um zu wissen: Das alles wird auch hier passieren. Und so verlockend es ist, die Parallelen zwischen den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts und ihren Prohibitions-Speakeasys zur Jetztzeit und ihren neuartigen Speakeasy-Bars zu ziehen: Verzicht ist die bessere Antwort. Der Prohibition lag keine Pandemie zu Grunde.

Der wahre Feind ist die Angst

Man braucht auch keine Kristallkugel, um den negativen Dominoeffekt absehen zu können. Panik hilft nicht. Die Politik hat bereits reagiert. „Generell ist der deutsche Arbeitsmarkt in guter Verfassung. Dennoch ist derzeit nicht absehbar, in welchem Ausmaß der Corona-Virus Unternehmen treffen wird und welche Auswirkungen das auf den Arbeitsmarkt haben wird. Durch die Corona-Krise soll möglichst kein Unternehmen in Insolvenz geraten und keine Arbeitsplatz verloren gehen.“ So heißt es in einer Stellungnahme der Ergebnisse des Koalitionsausschusses vom 8. März.

Um Arbeitsplätze erhalten und Arbeitnehmern und Arbeitgebern Planungssicherheit geben, wurde daher etwa das Kurzarbeitergeld verbessert. In Sachsen wird Unternehmen beispielsweise Hilfe geboten, von Steuererleichterungen bis Stundungen, weitere Finanzministerien haben ähnliches vor.

Wir werden diese Dinge an dieser Stelle weiter verfolgen. Und nach Wegen suchen, wie Bars und BartenderInnen in diesen schwierigen Zeiten, von denen wir noch nicht wissen, wie lange sie dauern, reagieren können.

In Zeiten der Improvisation reicht auch mal ein Handybild: Kan Zuo hat uns schon mal ein Foto seines Cocktail Care Paketes geschickt

Cocktail ins Haus liefern lassen

Eine Möglichkeit ist – noch, und zumindest in Österreich – eine Vorverlagerung des Geschäfts. In Österreich wurde die generelle Sperrstunde für Gastrobetriebe mit 15 Uhr bereits letzte Woche ausgerufen. Juan Amador, für das Michelin-Männchen der einzige Drei-Sterner der Alpenrepublik, offeriert seine preisgekrönte Küche nun auch parallel zum Business Lunch, Franz Seidl sperrt sein Gasthaus im Dritten Bezirk ebenfalls wieder mittags auf. Für die Bar entfällt diese Option leider – 12 Uhr ist auch für‘s „Day Drinking“ zu früh. Speziell, wenn man das Home Office nicht verlassen will.

Aber ab Dienstag könnten die Restaurants in Österreich jedoch bereits geschlossen bleiben. (Zusatz: Mittlerweile ist der Fall eingetreten. Österreich hat den Ausgang drastisch eingeschränkt. Das Haus soll laut ORF nur noch verlassen werden für Berufsarbeit, die nicht aufzuschieben ist, dringende Besorgungen wie Lebensmittel, und um anderen Menschen zu helfen Lokale und Restaurants dürfen nun gar nicht mehr öffnen, Anm. d. Red.)

Das wird auch Kan Zuos Idee treffen. Der Mastermind von The Sign hatte auch schnell reagiert und gehofft, seine Mannschaft halten zu können. „Slow down and Reset“ nennt er seine Karte mit sieben Cocktails – „der Großteil Lieblinge unserer Stammgäste“ – die er per Zustellung liefert. Ab drei Drinks wird von der Bar-Crew ausgeliefert, die Bestellzeiten laufen von 13 bis 23:30 Uhr, von 18 bis 24 Uhr wird zugestellt. „Die Eiswürfel und die Garnitur kommt vakuumiert zum Gast“, so Kan Zuo. Als Goodie werden Duftkerzen und ein Coaster gratis beigepackt. Je nach Rezept ist auch die Verpackung beduftet. „Das Sozialleben einschränken muss ja nicht heißen, die Lebensfreude zu verlieren.“ Noch ist der Cocktail-Lieferdienst auf die Wiener Bezirke 1 bis 9 sowie 16 bis 21 beschränkt, aber eigentlich sollte die Cocktail-Notversorgung flächendeckend funktionieren.

Cocktail-Lieferdienste eine Option

Doch zumindest in Österreich hat es den Anschein, als wäre diese Idee nicht mehr umsetzbar. Anderorts kann diese Form vom Cocktail-Zustellung noch eine Option sein, auf die Sperren zu reagieren. Auch Volker Seibert hat bereits angekündigt, eine Lieferung seiner Liquid Kitchen ins Haus zu liefern. Weitere Beispiele werden vermutlich folgen. Andere Vorschläge, die in den Sozialen Medien ausgetauscht werden, sind die Möglichkeiten, jetzt Gutscheine für Bars, Cocktailkurse o.ä. zu kaufen, die später, also nach der Krise, einzulösen sind. So sorgen sie auf diese Weise für finanzielle Entlastung, während man die Dienstleistung erst später einfordert.

Eines ist sicher: Kollektiver Konsumverzicht wird viele Bars an den Rand der Existenz bringen. Auch hier wird sich zeigen, was diese Situation aus den Menschen herausholt: Solostücke oder Solidarität.

Wir haben alles selbst in der Hand. Die Frage ist nur, ob wir auch was hergeben.

 

Die ursprüngliche Version dieses Artikels wurde durch neue Informationen aktualisiert.

Beitragende zu diesem Artikel: Stefan Adrian, Roland Graf

Credits

Foto: Foto: Shutterstock / Bearbeitung: Editienne

Comments (2)

  • Peter Schütte

    Die Idee mit Gutscheinen finde ich Klasse! Wer und ab wann wird das anbieten? Kann man das Zentral steuern? Eine Art Fond?

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