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Grasshopper Cocktail: All the World is Green

Der Grasshopper bleibt ein Guilty Pleasure, keine Frage. Doch in gewisser Weise wird er auch zu Unrecht in die Totenstille geschwiegen, in der er sich befindet. Eine kleine Annäherung an einen Cocktail, der mehr kann als nur grün auszusehen und nach Zahnpasta zu schmecken.

Es gibt diese undefinierte Riege an Cocktails, die von bewanderten Gästen häufig bestellt werden, um eine Bar oder einen Bartender beim Erstkontakt zu testen. Der Whiskey Sour rangiert da ganz vorne, sicher auch Martini, Manhattan, Daiquiri, Margarita oder Old Fashioned. Der Grasshopper gehört ganz definitiv nicht dazu. Erst recht nicht bei Männern, die sich ja noch immer oft mit männlichen Drinks profilieren.

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Grasshopper Cocktail

Zutaten

3 cl Crème de Cacao weiß
3 cl Crème de Menthe grün
3-4 cl frische Sahne (30% Fett)

Der stille Leidensweg des Grasshoppers

Das dachte auch ich mir, bis eines Abends vor vielen Jahren drei ältere Herren beim ersten Besuch an meinem damaligen Arbeitsplatz genau diesen Drink als Bar-Test orderten: „Junger Mann, wir hätten gern drei Grasshopper!“ wurde dem vermeintlichen Bartendernovizen entgegenbefohlen, Grasshopper natürlich deutsch ausgesprochen, mit zackigem „R“, es klang eher wie „Grrrrasshoppä“.

Kurioserweise hatten zwei der drei noch nie zuvor einen Grasshopper getrunken, wussten also gar nicht, wie er schmecken soll. Für mich wiederum verdoppelte die Bestellung schlagartig die Gesamtmenge aller jemals durch mich zubereiteten Grasshopper. Dem Befehlenden schmeckte der Cocktail dann nur mäßig, aber das spielt hier eigentlich schon keine Rolle mehr.

Viel wichtiger ist: Der Grasshopper wird eigentlich nicht mehr getrunken. Und damit ist gemeint, dass er wirklich gar nicht mehr getrunken wird. Kann man nicht wegdiskutieren. Er ist eine dieser vielen Kartei-Leichen, die sicherlich noch immer verlegen auf tausenden von Barkarten in Hotelbars gelistet sind, eben weil man das einfach so macht, die immergleichen hundert alten Cocktails in die Karte schreiben. Einmal pro Jahr bestellt eine betagte Person einen davon und damit hat sich die Sache wieder für lange Zeit erledigt.

Ein Drink, der eigentlich nicht ins Heute passt

Dass er nicht mehr getrunken wird, kann man gut nachvollziehen, denn der Grasshopper passt durch die Natur seiner klassischen Rezeptur einfach nicht zum Gaumen unserer Zeit: Sahne und zwei Liköre, da steckt ja gleich so ziemlich jeder strukturelle Ansatzpunkt für Kritik drin: Fett, viel zu viel Zucker, oftmals parfümiert wirkende Aromen in den Likören und, überhaupt, Alkohol.

Aber auch abgesehen davon muss man eben ein Faible für die sämig-süße Textur haben, die da einen – Klischee, aber ist so – After-Eight-Eindruck in den Mund zaubert. Mit der Charakteristik, die seit der Renaissance der Barkultur von Gästen und Bartendern nachgefragt und favorisiert wird, hat das nichts mehr zu tun. Wirklich gar nichts. Irgendwie in der Historie lebendig gehalten hat er sich – im Gegensatz zu seinem Cousin namens Brandy Alexander – wahrscheinlich nur aus zwei Gründen, auch wenn das eine steile These ist: Weil einige Menschen eine immense Minze-Liebe pflegen und weil grüne Drinks allein aufgrund ihrer faszinierenden Farbe immer ein paar Abnehmer finden.

Sogar in „Nola“ fällt der Grasshopper auf

Darin liegt auch eine spannende Parallele zu seinem Ursprungsort New Orleans. Die Stadt, die unter den Geburtsorten berühmter Cocktails in der Champions League mitspielt, steht üblicherweise für einen anderen Drink-Stil: Kraftvoll, intensiv und markant sind die Cocktails im Nola-Style üblicherweise, eben Sazerac, Vieux Carré oder Hurricane. Und auch der Ramos Gin Fizz spricht eine andere Sprache.

In dieser Riege liest sich der Grasshopper mit seiner Paarung von Crème de Menthe, weißer Crème de Cacao und Sahne geradezu wie ein lieblos platziertes Odd one out. Ein zuckriger Cocktail mit Sahneschaumkrone, dafür ohne wirkliche Spirituosenbasis, ausgerechnet aus New Orleans. Das mutet an wie ein traditionsbewusster fränkischer Brauer, der angeblich nur noch Pale Ale braut.

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Die grünen Wurzeln im Tujague‘s

Wann genau der Grasshopper entwickelt wurde, lässt sich offenbar bis heute nur bedingt klären. Während es als ziemlich sicher gilt, dass seine Wurzeln im legendären Restaurant Tujague’s liegen (wo er heute noch der Signature ist), ist die Lage zum Entstehungszeitpunkt diffus. Lange hielt sich die Annahme, dass der damalige Inhaber Philibert Guichet mit dem Rezept Ende der 1920er Jahre den zweiten Platz bei einem Cocktailwettbewerb in New York gewonnen habe. Doch es stellt sich die berechtigte Frage, ob mitten in den Tiefen der Prohibition überhaupt Cocktailwettbewerbe ausgetragen wurden – und wo hätte der Sieger danach überhaupt seinen Drink ausschenken sollen? Der Buchautor Poppy Tooker, der ein umfassendes Buch über das Tujague’s geschrieben hat, merkt analog dazu an, dass der Grasshopper seinen Quellen zufolge bereits 1919, also vor Inkrafttreten des Alkoholverbots, in dem Restaurant serviert worden sei.

Falls er schon vor der Prohibition entstanden war, blieb ihm der Weg auf die internationale Bühne jedoch zunächst verwehrt: Die wichtigen Rezeptbücher der späten Zwischenkriegszeit verzeichnen noch keinen Grasshopper, erst ab den 1950er Jahren beginnt er, flächiger aufzutauchen – aber auch dann nicht immer wohlmeinend. So listet ihn etwa David A. Embury in seinem wegweisenden The Fine Art of Mixing Drinks auf, zerlegt ihn dort aber quasi sowohl buchstäblich als auch ideell: Der Grasshopper, schreibt Embury ohne Quellenverweis, sei ursprünglich ein geschichteter Pousse-café gewesen und habe sich erst später zu einem auf Eis geschüttelten „so-called Cocktail“ entwickelt. Und in dieser Darreichungsform, also als Cocktail, sei er „schlicht abscheulich“ („strictly vile“).

Jeffrey Morgenthaler und der Fernet-Hopper

Das sehen aber zum Glück nicht alle Menschen so, und man mag es David Emburys Vorliebe für extrem starke, trockene Drinks zuschreiben, dass er persönlich mit dem Grasshopper nichts anfangen konnte. Allein die Tatsache, dass er den Cocktail dennoch in sein Buch integriert, zeigt ja, dass er ihm eine gewisse Relevanz attestiert.

Ein anderer hoch renommierter Bartender, der sich in jüngerer Vergangenheit mit dem Grasshopper auseinandergesetzt hat, ist Jeffrey Morgenthaler aus Portland. Wer Morgenthalers Arbeit als Bartender, aber auch als Redner und Buchautor, im Lauf der Zeit verfolgt hat, der weiß um eine besondere Leidenschaft des charismatischen Mannes: Er lebt eine kleine Liebe für jene guilty pleasures offen aus, denen viele andere Barleute höchstens hinter vorgehaltener Hand zustimmen würden. Schon Morgenthalers augenzwinkernder Blick auf Drinks wie den Amaretto Sour oder den Wisconsin Brandy Old Fahioned zeigt, dass er sich gern freimacht von dogmatischen Scheuklappen.

Gut für den Grasshopper, denn auch ihn hat Morgenthaler in seiner Bar Pepe Le Moko schon zur Eröffnung in einem zeitgemäßen, verspielten Twist auf die Karte genommen. Die drei klassischen Zutaten ergänzt er einerseits um Vanilleeis, aber eben auch mit einer Prise Meersalz und einem Löffel Fernet Branca, der dem süßlichen Cocktailnachtisch Tiefe und eine Spur Ernsthaftigkeit verleiht. Der Grund: „Mir fiel die Zutat ein, die sowohl Minze als auch Schokolade in ihrem Aromenprofil hat, aber dem Drink trotzdem eine neue Richtung gibt: Fernet“, erklärt Jeffrey Morgenthaler im entsprechenden YouTube-Video. Der resultierende Drink jedenfalls war im „Pepe“ ein absoluter Crowdpleaser.

Eine interessante Randnotiz ist hierzu übrigens, dass der Grasshopper heutzutage auch im Tujague’s ebenfalls ein wenig aufgejazzt wird: Der fertig abgeseihte Drink, natürlich im Milkshake-Glas, erhält einen kleinen Float mit Brandy. Ein wenig mehr Power, ein wenig mehr aromatische Tiefe, ganz so wie es Morgenthaler gemacht hat.

Der Grasshopper bleibt ein After-Dinner-Drink

Aber selbst wenn man beim ganz klassischen Grasshopper bleibt, darf man sogar als Liebhaber gerührter, klarer Drinks nicht sofort in Defätismus verfallen. Natürlich bleibt er immer süß und cremig, er bleibt ein After Dinner. Aber mit den richtigen Zutaten macht das eben trotzdem Spaß. Gute, schwere Bio-Sahne, ein hochwertiger Minzlikör, die Crème de Cacao vielleicht durch einen trockenen Kakaogeist ersetzt – und wir haben ein echtes, kleines Glanzstück.

Falls es dann immer noch eine Begründung braucht, schalten wir einfach Tom Waits mit seinem gleichnamigen Song an und summen leise mit, wenn er sing: „And men do foolish things… And all the world is green.“

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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