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Ramona Pop im Interview: „Wir konnten nicht sagen: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“

Ramona Pop ist Bürgermeisterin von Berlin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im großen MIXOLOGY-Interview spricht sie über die Entscheidungen zu den Schließungen und Lockerungen, Gastronomie im allgemeinen sowie Barkultur im besonderen – und ihren Lieblingsdrink.

Dienstag, 2. Juni: Es ist ein ruhiger Nachmittag im Roten Rathaus. Der Pförtner führt durch die imposanten Gewölbe des 150 Jahre alten Gebäudes, das vielen mittlerweile als Polizeistation der Erfolgsserie Babylon Berlin bekannt ist. Wir halten vor einem Aufzug, der uns zum Interview mit Ramona Pop führen soll. Der Aufzug funktioniert aber nicht. Gerade eben ging er noch, sagt der Begleiter erstaunt.

Berlin eben, gehen wir halt zu Fuß. Ist ohnehin nur ein Stockwerk über schwere, kühle Steintreppen. Die Berliner Wirtschaftssenatorin empfängt in einem hellen, aufgeräumten Büro. Und nimmt sich lange Zeit, über die Berliner Gastronomie im Allgemeinen sowie die Barkultur im Speziellen zu sprechen.

(Anmerkung: In diesem Interview, das am 2. Juni 2020 geführt wurde, wird noch von einer gesetzlichen Sperrstunde von 23 Uhr ausgegangen. Zum heutigen Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde bekannt, dass diese Sperrstunde aufgrund einer Klage vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg vom Land Berlin aufgehoben wurde und per 10. 6. 2020 hinfällig ist. Wir werden den Text diesen laufenden Entwicklungen anpassen.)

MIXOLOGY: Frau Pop, auf Ihrem Instagram-Account, den Sie selbst pflegen, folgen Sie Gastronomien wie Nobelhart & Schmutzig oder der Bar Freundschaft. Das lässt mich vermuten: Sie gehen gerne essen bei einem Glas Wein. Aber weniger in Cocktailbars?

Ramona Pop: Ich schätze gutes Essen und ein Glas guten Wein, das ist richtig. Ich kenne aber durchaus auch die eine oder andere Bar in Berlin.

MIXOLOGY: Haben Sie auch einen Lieblingsdrink?

Ramona Pop: Negroni.

MIXOLOGY: Den darf man seit heute auch wieder (das Gespräch fand am 2.6. statt, Anm.d. Red) in Bars in Berlin trinken. Wie gut kennen Sie die Barkultur der Stadt?

Ramona Pop: Es gibt eine hohe Vielfalt und Qualität in Berlin und vor allem viel Innovatives in der Berliner Barkultur. Deswegen schmerzt es mich auch, dass wir bisher aus epidemiologischen Gründen, zumindest was die Öffnungsperspektive angeht, wenig machen konnten. Nun bewegt sich endlich etwas. Wir werden sehen, wie die Konzepte in der Realität ankommen und umgesetzt werden. Wir haben jetzt eine Schließzeit von 23 Uhr, plus Tischzwang ohne Tresenbetrieb. Bars leben davon, dass man steht, sich unterhält, in Gruppen herumsteht und sich austauscht. Es wird eine Herausforderung, das anders zu gestalten. Das ist mir bewusst.

»Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Flatrate-Saufen und einer gepflegten Barkultur. Aber alle haben die Bilder von Ischgl vor Augen, oder dem Karneval in Heinsberg, wo Menschen dicht an dicht gefeiert haben. Es waren Infektionszentren vor dem Lockdown. .«

— Ramona Pop

MIXOLOGY: Viele Cocktailbars vermeiden ohnehin zu große Gruppen. Das Problem ist vielmehr, dass man nicht wirtschaftlich arbeiten kann, wenn man nur etwa ein Drittel seiner Bar belegen kann. Ist die Öffnung eher ein psychologisches Signal?

Ramona Pop: Für Restaurants, die den Bars bei der Öffnung zeitlich ein paar Wochen voraus waren, war der erste Schritt psychologisch wichtig. Am Anfang haben viele gesagt: ‚Wie soll das funktionieren mit weniger Umsatz?‘ Mein Eindruck in den letzten Wochen ist, dass sich kreative Modelle entwickeln, wie es gehen könnte, dass beispielsweise das Take-Away-Geschäft bleibt. Auf der anderen Seite müssen auch wir als Kunden umdenken und damit leben, dass die Karten jetzt reduzierter sind. Oder akzeptieren, dass die Gastronomie mit mehreren Umläufen pro Abend arbeitet. Bis jetzt konnten Bars ja schlecht sagen: ‚Nach zwei Drinks ist Schluss, und wenn du hier noch eine Weile rumstehst, dann raus.‘ Auch als Kunden müssen wir uns darauf einstellen, dass die Dinge anders sein wird nach der Öffnung.

MIXOLOGY: Gerade bei Bars mit Stammkundschaft ist das Verständnis der Kunden hoch. Barbetreiber haben sich auch angepasst, ob im To-Go-Geschäft oder Bottled Cocktails. Ich hätte gerne einen Bottled Cocktail mitgebracht …

Ramona Pop: Den dann lieber in echt in einer Bar in der Stadt. Alkohol sollte man als Politikerin ohnehin nicht posten. Das wäre ein falsches Vorbild.

MIXOLOGY: Was ich auch für ein Problem halte. Ist es nicht eine gewisse Scheinheiligkeit, dass Politiker päpstlicher als der Papst sein müssen? Ich würde einem Politiker oder Politikerin, die sagt, dass nach einem 12-stündigen Verhandlungsmarathon ein guter Negroni genau das richtige sei, eher vertrauen als anderen.

Ramona Pop: Sie vielleicht. Aber wir haben als Politiker eine Vorbildfunktion. Die Frage nach der Verantwortung bleibt. Barkultur oder ein gutes Glas Wein gehört zu unserem kulturellen Background dazu. Den verantwortlichen Umgang damit haben aber längst nicht alle.

MIXOLOGY: Vielen Barbetreibern war klar, dass sie im Sinne der Verantwortung ihren Betrieb schließen müssen. Wer mit Alkohol arbeitet, weiß: Die Grenze zwischen Verantwortung und Verharmlosung ist zwei Bier groß. Etwas gekippt ist das Verständnis allerdings Anfang Mai, als Friseure aufsperren durften, die wohl auch nicht systemrelevanter sind. Schließlich ist gerade auch die Gastronomie ausgebildet im Umgang mit Hygiene. Wurde das ignoriert?

Ramona Pop: Nein, natürlich nicht. Verantwortbare Öffnungen des öffentlichen Lebens in Berlin können nur etappenweise und kontrolliert erfolgen. Wir haben im Senat und auch mit den Branchenvertretern ausführlich darüber diskutiert, welche Gastronomien unter welchen Umständen öffnen können, und welche Verantwortung man dabei hat. Es verhält sich leider so, dass wir von den größeren Ausbrüchen von Covid-19 in Europa wissen, dass diese im Zusammenhang mit Alkohol stehen. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Flatrate-Saufen und einer gepflegten Barkultur. Aber alle haben die Bilder von Ischgl vor Augen, oder dem Karneval in Heinsberg, wo Menschen dicht an dicht gefeiert haben. Es waren Infektionszentren vor dem Lockdown. Durch diese epidemiologischen Erkenntnisse wissen wir, dass hier die größte Infektionsgefahr entsteht: Menschen stehen dicht an dicht in geschlossenen Räumen, sprechen immer lauter, um die Hintergrundmusik zu übertönen, oder sich gegenseitig – wir werden alle etwas lauter, wenn wir etwas getrunken haben. Tröpfchen werden in den Raum geschleudert. Wir haben abgewogen und die Entscheidung getroffen, dass es gerade in Bars und Kneipen schwierig ist, die Regeln zu handhaben. Die Entscheidung hat nichts mit einem Zweifel an den Hygienefähigkeiten zu tun oder, dass die Gläser heiß genug gewaschen werden.

Es geht auch nicht um Riesengruppen in Bars. Viele Bars sind ohnehin klein, zumindest die, die ich kenne. Aber man spricht laut, lacht usw., das lässt sich eben schwer kontrollieren. Das ist im Übrigen auch die Sorge, die uns bei Clubs umtreibt. In Südkorea gab es ein erneutes Aufflackern von Infektionen, weil eine einzelne, aber hochinfektiöse Person durch mehrere Clubs und Bars gezogen ist. In Berlin hatten wir auch die Vorgeschichte mit den beiden Clubs Kater Blau und Trompete. Das waren zwei unserer dezidierten Infektionsherde vor dem Lockdown.

»Man kann keinen Unterschied machen zwischen denen, die es gut machen können und denjenigen, die es zu locker handhaben. Regeln gelten für alle. Wir können an dieser Stelle keine Strichlisten führen.«

— Ramona Pop

MIXOLOGY: 0,5 Liter Bier in einem Restaurant hat umgerechnet auf die alkoholische Einwirkung die gleiche Wirkung wie zwei Longdrinks in einer Bar. Hat man Bars in Berlin, dieser Stadt der Entgleisung, die Einhaltung von Maßnahmen nicht zugetraut?

Ramona Pop: Man kann keinen Unterschied machen zwischen denen, die es gut machen können und denjenigen, die es zu locker handhaben. Regeln gelten für alle. Wir können an dieser Stelle keine Strichlisten führen. Es gilt die Gleichbehandlung. Nochmal: An diesem Punkt galt unsere Sorge, dass die Maßnahmen in einer lebendigen Kneipe schwieriger in den Griff zu bekommen sind als in einem Restaurant, wo man mit einem gewissen Abstand an einem Tisch sitzt. Jetzt machen wir die Öffnung von Schankwirtschaften. Mit Tischzwang, um diesen Mindestabstand – salopp formuliert – über Möbel herzustellen. Das heißt, dass es keinen klassischen Barbetrieb geben kann, wo man am Tresen steht und zwei Personen hinter mir auch noch was bestellen wollen.

Das sind die Erwägungen, die wir getroffen haben, damit die Betriebe wieder öffnen können. Die Öffnungen zu durchdenken hat Zeit gebraucht. Wir konnten nicht sagen: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Es muss eine Gleichbehandlung geben – und es müssen sich im Übrigen auch alle daran halten. Das wird kontrolliert werden. Jeder einzelne ist verantwortlich, die Regeln umzusetzen. Wenn sich das bewährt, können wir weitere Schritte gehen. Auch für Restaurants war die Grenze zu Beginn 22 Uhr und wurde dann um eine Stunde erweitert, da die Gastronomie diese zusätzliche Stunde für wichtig erachtet hat, um eine mögliche Zweitbelegung umzusetzen. Jetzt müssen wir beobachten, wie es für Bars funktioniert.

MIXOLOGY: Ist in der Politik eigentlich angekommen, dass Berlin ein kulinarischer Hotspot geworden ist, was wiederum ein starker Imagefaktor ist?

Ramona Pop: Ja, definitiv. Mir liegt das Thema auch sehr am Herzen. Wir haben die Gründung der Flagship-Gruppe der Spitzenrestaurants innerhalb der Dehoga sehr unterstützt. Wir freuen uns, dass Berlin im Gegensatz zu vor 15 Jahren, wo es mehr oder weniger eine kulinarische Wüste war, heute ein kulinarischer Hotspot ist. Dazu zähle ich auch die Bars, zudem haben auch viele Restaurants mittlerweile hauseigene Bars. Die Konzepte mischen sich, wie etwa im Oh Panama oder Hotel am Steinplatz.

MIXOLOGY: Schön langsam glaube ich das mit dem Negroni …

Ramona Pop: Ich sage das nicht umsonst: Mir liegt die Gastronomie am Herzen, und ich bedaure es, dass es diesen Bereich so hart trifft; diese Genusskultur, die von der Begegnung lebt und die durch Social Distancing nur auf Sparflamme stattfinden kann. Das ist für Berlin ein großer Verlust. Menschen kommen nach Berlin, um diese vielfältige, lebendige und interessante Kultur zu erleben, ob Bar, Club oder Restaurant. Also alles, was wir faktisch im Moment nicht leben können – und vermutlich auf längere Zeit nur sehr eingeschränkt werden leben können.

MIXOLOGY: Zeit ist im Moment auch sehr relativ. In Österreich sollen ab 15. Juni Gäste bereits bis 1 Uhr erlaubt sein und das ohne Mundschutzpflicht.

Ramona Pop: Wir sind mit unserem Modell einer schrittweisen Öffnung, die etwa alle zwei Wochen passiert, gut gefahren. Gleichzeitig haben wir Wirtschaftshilfen zur Überbrückung schnell auf den Weg gebracht, um effektiv und unbürokratisch zu helfen. Auch in Richtung Bund haben wir immer klar gemacht, dass es gerade für diese Branchen, die länger betroffen sein werden und die eben nicht wie Friseure oder Einzelhandel regulär öffnen können, weitere Unterstützung geben muss.

MIXOLOGY: Wie wäre es mit 7 % Mehrwertsteuer auch auf alkoholische Getränke?

Ramona Pop: Da wäre ich beim Thema Alkohol zurückhaltend. Man muss andere Wege suchen. Ein dreimonatiges Stabilisierungsprogramm für die Branche wäre sinnvoll. Charmant finde ich Gutscheinmodelle. Das wäre zielgerichtet für die Branche. Und bei den Summen, von denen wir sprechen, deutlich günstiger als eine Abwrackprämie für Autos, die schon jetzt das Klima zerstören und der nächsten Krise Vorschub leisten.

MIXOLOGY: Auch einfacherer Zugang zur Außenbestuhlung wäre eine Hilfe …

Ramona Pop: Das haben wir bereits veranlasst. Es sind keine weiteren Sondernutzungsgebühren zu entrichten, Nachbargrundstücke oder auch Parkplätze können genutzt werden, um Gastronomie auszuweiten. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg macht das, Innenstadtbezirke wie Mitte wollen nachziehen. Das haben wir im Senat beschlossen, diesen Weg wollen wir unbedingt gehen. Es hat ja durchaus auch ein schönes und belebendes Element für das Straßenbild.

MIXOLOGY: Das erlaubt Gastronomien auf jeden Fall, wirtschaftlicher zu arbeiten. Auch wenn es manchem Neo-Biedermeier im Prenzlauer Berg nicht gefallen mag. Vielleicht gibt es sogar längere Aufenthaltsmöglichkeiten im Außenbereich?

Ramona Pop: 22 Uhr ist klar reglementiert, nicht zuletzt durch Anwohnerklagen vor Gericht. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber ich finde, eine Ausweitung der Flächen ist schon mal eine gute Nachricht. Natürlich unter der Prämisse, dass Fußgänger, Menschen mit Handicap oder Kinderwägen passieren können. Auch hier gilt: Leben und leben lassen. Auch Familien sollen ja abends unterwegs sein dürfen.

MIXOLOGY: Es muss ja nicht immer Alkohol sein. Den Trend zum alkoholfreien Cocktail gibt es ja auch …

Ramona Pop: In der Tat habe ich unlängst mal einen alkoholfreien Gin probiert. Der hat mich allerdings nicht ganz überzeugt, muss ich gestehen. Vielleicht habe ich das noch von meinem Großvater in Rumänien: Er hat selbst gebrannt, und ich durfte daran schnuppern. Wenn ich keine Frucht gerochen habe, war es nicht gut genug. (lacht). Aber es ist spannend, was in dem Bereich der alkoholfreien Getränke passiert. Ich trinke nicht gerne süß, keinen Saft oder Ähnliches zum Essen. Nur Wasser oder Alternativen, und auch hier experimentiert die Gastronomie mit einigem, z.B. mit kombuchaähnlichen Getränken.

» Vielleicht habe ich das Durchsetzen da aber auch gelernt. Nichtsdestotrotz gab es Abende, an denen der Chef sagte: ‚Ab 21 Uhr gehst du nicht mehr auf die Kegelbahn. Das mach ich jetzt.‘ Und das aus guten Gründen..«

— Ramona Pop über ihre Zeit als Schülerin, in der sie als Kellnerin gearbeitet hat

MIXOLOGY: Gerade was eine Arbeit mit Produkte betrifft, leisten Bars viel Aufklärungsarbeit. Wenn man Gästen den Cocktail mit dem regional hergestellten Schnaps erklärt, oder selbst angebauten Zutaten, hat das häufig einen Aha-Effekt …

Ramona Pop: Das passt zum Trend in der Gastronomie zu Regionalität und Nachhaltigkeit. Produkte, die man nicht mit Zucker oder Sirup überdeckt, sondern auf das Ursprungsprodukt, Qualität und Klarheit setzt. Der Kollege Behrendt (Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Anm. d. Red.) unterstützt diese regionalen Netzwerke. Die Berliner Restaurants entdecken die regionalen Produzenten aus Brandenburg. Diese Netzwerkbildung wird unterstützt und gefördert. Man hat diese Netzwerke um die Stadt herum lange aufgebaut, und sie sollen durch diese Krise nicht kaputtgehen.

MIXOLOGY: Apropos Netzwerk: Könnte da die Barszene auch mehr machen? Eigentlich ist es eine intern zwar stark vernetzte, aber doch nicht stark organisierte Branche von Individualisten.

Ramona Pop: Den Eindruck habe ich auch. Vielleicht gibt es jetzt mit der Krise ein Näherrücken und den Anlauf, sich zu organisieren. Es hilft, wenn man sich organisiert, artikuliert und Sprachrohre etabliert. Die Clubszene hat mit der Club Commission beispielsweise durchaus ihre Vertreter.

MIXOLOGY: Sie waren bereits mit 23 Abgeordnete. Aber gab es mal in dem schmalen Zeitfenster Ihres Studiums eine Phase, wo Sie in der Gastronomie gearbeitet haben?

Ramona Pop: Das habe ich in der Tat, wenn auch leider ziemlich unbegabt. Ich habe in der Dorfgastronomie in einem Vorort von Münster, wo ich damals gelebt habe, als Kellnerin gearbeitet. In einem klassischen Gasthof mit Kegelbahn. Dort habe ich zwei Jahre gekellnert, wie gesagt mit eher minderer Begabung. Denn immer, wenn mir jemand ein Glas Bier vom Tablett riss, kippte es in die andere Richtung.

MIXOLOGY: Das hat eher weniger mit Begabung zu tun als vielmehr damit, wie man so eine Situation auflöst …

Ramona Pop: Ganz einfach: In dem man den Menschen verbietet, sich das Bier runterzunehmen. Mit 17 war das allerdings nicht immer leicht. Vielleicht habe ich das Durchsetzen da aber auch gelernt. Nichtsdestotrotz gab es Abende, an denen der Chef sagte: ‚Ab 21 Uhr gehst du nicht mehr auf die Kegelbahn. Das mach ich jetzt.‘ Und das aus guten Gründen.

MIXOLOGY: Alkoholisierter Sexismus ist leider die andere Seite der Gastronomie …

Ramona Pop: Leider ja und man darf es nicht verschweigen. Mit Alkohol nehmen es einige nicht mehr so genau mit der Verantwortung. Und damit meine ich nicht nur die Zeit mit Corona, die wir jetzt erleben, sondern was beispielsweise auf dem Oktoberfest und anderen Veranstaltungen mit Alkoholeinfluss an sexualisierter Gewalt passiert. Das muss man gesellschaftlich und politisch unter die Lupe nehmen und dagegen ankämpfen.

»Ich muss zugeben: Ich hätte nichts dagegen, wenn ein wenig von dieser Höflichkeit und Rücksichtnahme bliebe, die wir im Moment praktizieren. Das wäre mir lieber als dieses ständige Anrempeln der Großstadt.«

— Ramona Pop

MIXOLOGY: Sie betonen auch die Wichtigkeit der digitalen Branche für die Zukunft der Stadt. Diese oft auch internationale Start-up-Szene wählt Berlin nicht, um sich das Brandenburger Tor anzusehen. Das macht die Gastronomie, wenn schon nicht system-, so doch zukunftsrelevant …

Ramona Pop: Das wissen wir. Die Anziehungskraft von Berlin entsteht durch Kultur im weitesten Sinne. Vor der Krise sind jährlich etwa 40.000 bis 50.000 Menschen nach Berlin gezogen. Die Fachkräfte und Talente der Digitalisierung gehen nicht nach München oder Frankfurt. Diese Menschen wollen nach Berlin, weil hier eine Lebendigkeit und Internationalität herrscht, die sich auch darin ausdrückt, dass man überall Menschen auf einen Drink oder auf ein Essen treffen kann. Das macht die Stadt aus. Das ist nicht nur ein Nice-to-have, weil manche – so wie ich – gutes Essen schätzen. Gastronomie ist relevant für die Anziehungskraft der Stadt.

MIXOLOGY: Gibt es andere Möglichkeiten, wie die Politik der Gastronomie unter die Arme greifen kann? Viele Versicherungen stehlen sich im Augenblick aus der Verantwortung.

Ramona Pop: Das wurde mir schon zugetragen. Ich kenne natürlich nicht jede einzelne Versicherungspolice, aber ich könnte mir vorstellen, dass es nicht ganz rechtens ist, was hier passiert. Wir können unseren Teil über Stabilisierungsangebote tun, aber auf Versicherungen können wir nicht einwirken. Ich gehe aber davon aus, dass hier noch Klagen erfolgen und die Sache vor Gericht entschieden wird.

MIXOLOGY: Nächstes Jahr sind Bürgermeisterwahlen. 2016 haben Sie bei der Wahl eine Kneipentour gemacht haben. Gibt es das wieder?

Ramona Pop: Wenn die Umstände es zulassen, warum nicht. Die meisten begrüßen es, so mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch zu kommen, andere sagen: Ich möchte in Ruhe mein Bier trinken. Aber an Wahlkampf denke ich jetzt noch nicht. Wir hoffen jetzt auf einen guten Sommer, darauf, eine zweite Welle zu verhindern und bis dahin möglicherweise auf einen Impfstoff. So dass wir alle hoffentlich wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen.

MIXOLOGY: Klar ist jedoch: Corona wird noch dauern. Der magische Impfstoff lässt auf sich warten, kommt vielleicht überhaupt nicht. Wer jetzt noch denkt, es wird alles wie zuvor, ist ein Romantiker?

Ramona Pop: Es kommt auch schon in der Bevölkerung an, dass uns Corona länger begleiten wird. Ob nun durch wirtschaftliche Folgen, aber auch in unserem Verhalten. Ich war gestern im Museum. Danach haben wir uns gefragt, ob das jetzt ein Augenblick für das persönliche Geschichtsbuch ist, denn man eher beschreiben wird wie: ‚Guck mal, damals, als wir mit Mundschutz im Museum waren!‘ Oder ob das bleibt. Ich muss zugeben: Ich hätte nichts dagegen, wenn ein wenig von dieser Höflichkeit und Rücksichtnahme bliebe, die wir im Moment praktizieren. Das wäre mir lieber als dieses ständige Anrempeln der Großstadt. Vielleicht achten wir alle etwas mehr darauf, wie wir miteinander umgehen.

MIXOLOGY: Gibt es auch Chancen für eine Stadt wie Berlin, die vom internationalen Tourismus lebt, der jetzt ausbleibt?

Ramona Pop: Wenn ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten darf: 60% der Touristen, die nach Berlin kommen, sind deutsche Touristen. Visit berlin, unsere Tourismus-Gesellschaft, befragt regelmäßig Menschen an neuralgischen Orten. Die erstaunliche Erkenntnis: Die Hälfte davon sind wir selber. Es ist die Prenzlauer Bergerin, die in Neukölln in die Bar geht, es ist der Reinickendorfer, der am Kollwitzplatz auf dem Markt einkauft, es ist der Friedrichshainer, der nach Schöneberg fährt oder der Schöneberger, der mal ins Berghain geht. Wir sind sehr oft selber Touristen in der eigenen Stadt.

Aber natürlich fehlt den Restaurants und vor allem den Hotels der internationale Tourismus. Das wird auch noch längere Zeit so anhalten. Daher ist die Frage, ob wir stärker auf Tourismus stärker setzen, der innerhalb des Landes, aber auch Berlins basiert, natürlich relevant. Am Anfang der Krise habe ich gesagt: ‚Wenn der Tourismus ausbleibt, dann müssen wir selbst in die Restaurants und Bars gehen.‘ Das hat mir einiges an Kritik eingebracht. Aber jetzt ist genau der Zeitpunkt zu sagen: ‚Wir unterstützen die Strukturen, die wir hier haben. Wir probieren mal diese Bar oder jenes Restaurant aus, das wir immer schon mal ausprobieren wollten.‘

MIXOLOGY: Frau Pop, vielen Dank für das Interview.

Zur Person: Ramona Pop wurde 1977 in Temeswar, Rumänien, geboren, ihre Familie gehörte den sog. Banater Schwaben an. 1988 übersiedelte sie mit ihrer Mutter nach Deutschland, wo sie in der Nähe von Münster aufwuchs. Seit 1997 ist Ramona Pop Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, 2001 zog sie als Abgeordnete in das Abgeordnetenhauses von Berlin ein. Von Oktober 2009 bis Dezember 2016 war sie Fraktionsvorsitzende, seit dem 8. Dezember 2016 ist sie Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe.

Credits

Foto: Stefan Adrian

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