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Von wegen Medizin: Die wahre Geschichte des Gin & Tonic

Eine der beliebtesten Anekdoten der Bar: Britische Kolonialtruppen erfanden den Gin & Tonic. In der sumpfigen Hitze Indiens tranken sie in Soda gelöstes Chinin, um der Malaria vorzubeugen. Dieser bitteren Medikation setzten sie Zucker, Zitrone und Gin zu – wohl der Bekömmlichkeit und Heiterkeit halber. Diese Geschichte ist zwar schön, aber falsch. Beleuchten wir die wahren Ursprünge des Gin & Tonic.

Um den Gin & Tonic richtig verstehen zu können, müssen wir weit in die Geschichte zurückgehen. Natürliches Sodawasser galt bereits vor über 2000 Jahren als Heilmittel. Ab dem 16. Jahrhundert wurde es in Deutschland abgefüllt und exportiert. Es war so wichtig, dass sogar Kriege um Quellen geführt wurden. Im 18. Jahrhundert entstand die Bäderkultur: Wer es sich leisten konnte, ging auf Kur. Sodawasser war so bedeutend, dass man es künstlich herstellen und verschiedene Heilwässer imitieren wollte. Die wissenschaftlichen und technischen Grundlagen wurden gelegt, und 1781 gründete Thomas Henry die erste Fabrik zur Herstellung eines künstlichen Sodas.

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Brandy & Water, Gin Punch und der Collins

Brandy & Water wurde schon im 17. Jahrhundert getrunken, und mindestens seit 1826 trank man auch Brandy & Soda. Vielleicht hiervon inspiriert, bereitete Stephen Price 1835 im Londoner Garrick Club einen Gin Punch mit Sodawasser zu. Dort trafen sich Schauspieler, Schriftsteller, Kunstschaffende, kultivierte Männer und Adlige, und die Mitgliederliste liest sich wie das whoʼs who der damaligen Gesellschaft. Wer etwas auf sich hielt, trank dieses neuartige Getränk und auch dessen Weiterentwicklung aus dem Limmerʼs Hotel, den Collins, benannt nach dem dortigen Oberkellner und mutmaßlichen Erfinder desselben: eine Mischung aus Gin, Zucker, Zitronensaft und Sodawasser. Auch im Limmerʼs Hotel traf sich alles, was Rang und Namen hatte, Freunde der Pferdewetten und der zukünftige König George IV.

Man hört oft, Gin sei ein Getränk der Unterschicht gewesen, die Oberschicht hingegen hätte teuren importierten Brandy und Genever bevorzugt. Es sei deshalb nicht verständlich, wieso man begonnen habe, Gin Punch zuzubereiten. Doch eine Erklärung ist einfach: Es gab eine Mittelschicht, die am Glamour teilhaben wollte. Man konnte sich vielleicht keinen Brandy leisten, aber einen Punch wollte man schon, und anstelle teurer frischer Zitronen konnte man Zitronensäure verwenden, so wie es in einer Anzeige des Jahres 1814 vorgeschlagen wird. Es war wie heute auch: Trinkt beispielsweise Madonna ein bestimmtes Wasser, wollen es viele andere auch haben.

Der Gin Punch als Medizin

Auch darf man nicht vergessen, dass Gin Punch bereits im 18. Jahrhundert als Medizin verschrieben wurde, beispielsweise gegen die erwähnte Malaria. Dabei kommt es nicht selten zur »Wassersucht«, also zu Flüssigkeitseinlagerungen. Mit einem leichten Gin Punch und dem darin enthaltenen Wacholder wurden die Nieren dazu angeregt, dieses Wasser auszuscheiden. Manchmal wurde zusätzlich auch Chinarinde eingenommen.

Man kann also postulieren, dass nicht nur britische Soldaten und Weltreisende an Chinarinde und Gin Punch gewöhnt waren, denn Malaria gab es auch in Europa. Man kannte Brandy & Soda, und so ist es nur schlüssig, dass zunächst aus dem Gin Punch durch Verwendung von Sodawasser der Collins entstand und von diesem inspiriert dann durch Verwendung von Tonic Water der Gin & Tonic, wobei man den Zitronensaft des Collins durch die Zitronensäure des Tonic Waters ersetzte.

Chinarinde: der springende Punkt

Die heilende Wirkung von Chinarinde bei Malaria entdeckte man wohl um 1570 in der Gegend von Loja, einer Stadt in Ecuador. Es gibt zahlreiche Legenden: Man beobachtete Löwen dabei, wie sie fieberkrank davon aßen, oder ein fieberleidender Eingeborener trank Sumpfwasser, in das Chinarindenbäume gefallen waren. Oder aber man berichtet von der Gräfin von Chinchón, die auf wundersame Weise durch Chinarinde geheilt wurde. Doch Alexander von Humboldt bringt es bereits 1807 auf den Punkt: »Die so oft nachgeschriebene Geschichte der Gräfin Chinchón, Vicekönigin von Peru, ist wohl noch zweifelhafter, als man gemeinhin glaubt.« Auch von allen anderen Hypothesen ist er nicht überzeugt. Sigmund Graf fasst Humboldts Worte 1824 so zusammen: »In Loxa ist kein Document vorhanden, welches die Geschichte der Erfindung der Cinchona aufklären könnte. Doch geht daselbst die alte Sage, die Jesuiten hätten beim Holzfällen nach Landessitte durch Kauen der Rinde die verschiedenen Baumarten unterschieden, und seien bei dieser Gelegenheit auf die groſse Bitterkeit der Cinchona aufmerksam geworden. Da unter den Missionairen stets Arzneykundige waren, so hätten, sagt man, diese den Aufguſs bei der gewöhnlichen Krankheit der Gegend, dem Tertianfieber, versucht.« Nichtsdestotrotz wurde die Gattung der Chinarindenbäume nach der Gräfin »Cinchona« benannt.

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts stellte Robert Talbor aus Chinarinde und Wein ein Heilmittel zur Fieberbekämpfung her, das man English Remedy nannte. Historische Dokumente belegen, dass in der britischen Marine, bei den Soldaten und in den Kolonien auch nach Erfindung des Tonic Waters grundsätzlich Chininwein verabreicht wurde. Erst wenn dieser ausgetrunken war, löste man behelfsweise Chinin auch in Rum auf. Tonic Water hingegen wird nie als Heilmittel erwähnt. Wir müssen uns also von der Vorstellung verabschieden, man hätte dieses gegen Malaria eingenommen. Dazu wäre im Übrigen auch die darin enthaltene Menge an Chinin nicht hoch genug gewesen, wie moderne Studien und ein aus dem Jahr 1883 stammendes Rezept für Tonic Water belegen.

Fluch und Segen: Chinin löst sich nicht in Wasser

Ein wichtiger Schritt hin zum Tonic Water war die Extraktion der in der Chinarinde enthaltenen Alkaloide. Dies gelang den Franzosen Joseph Bienaimé Caventou und Pierre-Joseph Pelletier im Jahr 1820. Das so gewonnene Chinin löst sich jedoch schlecht in Wasser, es sei denn, man gibt etwas Säure hinzu. Noch besser löst es sich in Alkohol.

Der erste Hinweis auf chininhaltiges Sodawasser ist eine Anzeige im Bristol Mercury aus dem Jahr 1835. 1858 schließlich erhält Erasmus Bond ein Patent für »an improved aerated liquid, known as Quinine Tonic Water«. Auf der Internationalen Ausstellung von 1862 bewirbt man dieses mit den Sätzen: »Seine Eigenschaften sind säurehemmend, kühlend und erfrischend, kombiniert mit allen Vorteilen des Sodawassers; es gibt dem Magen Stärke und dem gesamten Nervensystem Tonus, und ist besonders geeignet für Personen, die sich durch geistige oder körperliche Erregung deprimiert fühlen und verleiht denen Kraft, die unter nervöser Reizung, Verdauungsstörungen oder Appetitlosigkeit leiden.«

Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten. Anfang der 1870er-Jahre gab es Produkte zahlreicher Mitbewerber, darunter auch Schweppes Indian Tonic Water. Im Gegensatz zu Pittʼs Patent Tonic Water wurde in ihm Zitronensäure statt Schwefelsäure zur Verbesserung der Chininlöslichkeit eingesetzt.

Der erste Gin & Tonic: vielleicht ein Sportlerdrink?

Der erste Hinweis auf den Gin & Tonic findet sich 1868 im Oriental Sporting Magazine. Dort heißt es im Zusammenhang mit Pferderennen: »Laute Rufe von ›Gin und Tonic‹, ›Brandy und Soda‹, ›Cheroots‹ &c. sagten uns, dass die Party für die Nacht beendet sei, und wir gingen nach Hause (…)« 1881 beschwert sich ein Leser der Sporting Times: »Warum (…) ist Tonic Water in England (…) nicht zu beschaffen? Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Indien verbracht und bin jetzt gerade nach sechs Jahren Aufenthalt in diesem Land zurückgekehrt. (…) Wir haben Brandy and Soda sowie andere Getränke, die in diesem wunderbaren Land erhältlich sind, aber wir finden hier nicht das Getränk, dem in Indien am meisten zugesprochen wird, nämlich Gin und Tonic. Natürlich gibt es Gin, aber wo ist das Tonic?«

Alle Quellen weisen darauf hin, dass man Gin & Tonic nicht als Medizin, sondern als Erfrischungsgetränk zu sich nahm. So berichtet zwar auch Rudyard Kipling, Autor des Dschungelbuch, 1885 über den Gin & Tonic, aber auch darüber, dass man trotzdem Chinin gegen Malaria einnahm.

Man darf nicht vergessen, dass sowohl Tonic Water als auch Eis relativ teuer gewesen sein müssen. Nicht ohne Grund beschwerten sich noch 1896 junge Teepflanzer in Ceylon. Ein dorthin Reisender berichtet: »Sie gingen nicht oft nach Colombo, aber sie waren oft in den Bungalows der anderen zu finden, und Whisky und Gin Tonics und Tabak schienen die Last des Tages etwas zu lindern und zu erleichtern. (…) Natürlich meckern junge Männer: Das Klima ist anstrengend, Gin Tonics sind teuer, die Löhne sind niedrig, die Beförderung ist langsam, die Gesellschaft ist begrenzt, die Isolation von Büchern, Theatern, Musik und dem Trubel in London ist schmerzhaft.«

Wahre Geschichte des Gin & Tonic: Erst später in den USA populär

Schmerzhaft war sicherlich auch die Rationierung von Chinin während des Zweiten Weltkriegs, denn dadurch fehlte es an Tonic Water. Erst danach wurde der Gin & Tonic auch in den USA populär. Zunächst galt er noch als etwas Exotisches, doch er wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren stark beworben und konnte sich auch jenseits des Atlantiks etablieren. Doch das ist noch mal eine andere Story.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Ausgabe 3/2020 von Mixology, dem Magazin für Barkultur.

Credits

Foto: Editienne

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