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Corona Chronicles, Teil 7 – „In der großen Vernetzung der Bar-Szene liegt auch eine Chance.“

Nahezu jede Branche leidet unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Auch die Gastronomie blutet. Restaurant- und Barbetreiber stehen unverschuldet vor ihren verschlossenen Türen. Wie geht man damit um? MIXOLOGY im Interview mit Psychotherapeut, Buchautor und Bargänger Holger Kuntze.

 

Die Corona-Krise ist eine komplett neue Erfahrung, die den Nachkriegsgenerationen, Generationen X, Y und Z in spürbarer Härte und Rasanz widerfährt. Im MIXOLOGY-Interview werfen wir mit dem Berliner Psychotherapeuten und Buchautor Holger Kuntze einen Blick auf diese Zeit, die aktuell unser Vorstellungsvermögen herausfordert.

Holger Kuntze ist selbst Fan der Barkultur, zu seinen liebsten Tresen gehören die Loos Bar in Wien, das Münchner Les Fleurs du Mal oder die Galander Bars, Fasanen 47 und Victoria Bar in seiner Heimatstadt Berlin. Seinen Lieblingsdrink Old Fashioned mixt sich der Psychotherapeut zu Hause derzeit selbst.

MIXOLOGY: Barbetreiber, Besitzer und Bartender stehen vor verschlossenen Türen. Vor einem vorübergehenden faktischen Berufsverbot, das für jeden einzelnen traurig, aber für die Gesamtsituation zur Eindämmung von Covid-19 notwendig ist. Sie blicken in eine ungewisse Zukunft. Ein finsterer Blick?

Holger Kuntze: Es ist ein offener Blick, denn wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird.

MIXOLOGY: Wie geht man mit dieser Extremsituation um, die für die meisten Generationen bis vor kurzem unvorstellbar gewesen sind?

Holger Kuntze: Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen sind für uns ein absolutes Novum, das unsere Generation überhaupt nicht kennt. Man hat uns im neoliberalen Diskurs beigebracht, für Erfolg oder Misserfolg selbst verantwortlich zu sein. Wenn wir an dieser Erzählung festhalten, sind wir verloren und gehen in die falsche Richtung. Es ist für uns die außergewöhnlichste Situation, mit der wir je konfrontiert wurden. Nassim Nicholas Taleb behandelt in seinem Buch „Der Schwarze Schwan: die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ eben solche Ereignisse, die selten oder gar recht unwahrscheinlich sind und alles verändern. Corona ist der schwarze Schwan, der alles verändert. Wir wissen nicht, wie und was morgen sein wird. Als Individuen müssen wir uns davon befreien, Lösungen und Antworten finden zu können. Aber wir müssen individuell darauf reagieren, um mit unseren Ängsten umgehen zu lernen und die immense Unsicherheit auszuhalten.

»Was sein wird, liegt nicht mehr im Ermessen des Einzelnen, daher rührt eine große Unsicherheit, die es zu überstehen gilt.«

— Holger Kuntze

MIXOLOGY: Die Corona-Krise trifft die Gastronomie äußerst hart. Viele Bars werden diesen Ausnahmezustand womöglich nicht überstehen. Was kann man tun, damit Zukunftsängste unseren Alltag nicht beherrschen?

Holger Kuntze: Gerade für Bartender und Barbetreiber gibt es aktuell jeden Grund, panisch zu sein – und gleichzeitig dürfen wir nicht panisch werden. Niemand weiß, wie es weitergeht, weil die Corona-Krise alle unsere bisherigen Kompetenzen übersteigt. Was sein wird, liegt nicht mehr im Ermessen des Einzelnen, daher rührt eine große Unsicherheit, die es zu überstehen gilt. Als Psychotherapeut habe ich für Paare und Familien zehn Regeln gepostet, die in dieser Zeit helfen sollen. Die Resonanz zeigt eine nie da gewesene Größenordnung. Auch Selbstständigen und Bartendern würde ich raten, die Tage zu strukturieren, Routinen und einen Rhythmus festzulegen. Es hilft, Regeln aufzustellen, zu überlegen, was zu tun ist und man tun kann. Ob und welche Zuschüsse oder Subventionen man einholen oder Betriebskosten senken kann. In dieser Zeit sollten wir uns konkret um uns selbst, unsere Familie, Mitarbeiter und Freunde kümmern. Ganz besonders wichtig ist die Kommunikation. Sprecht mit Familie, Freunden, Nachbarn sowie dem Vermieter. Telefoniert und setzt euch mit anderen in Verbindung. Vernetzt euch!

MIXOLOGY: Die Bar-Community ist sehr vernetzt. Liegt in dieser Vernetzung eine kleine Chance, den Sorgen ein wenig beizukommen?

Holger Kuntze: Die Bar-Szene untereinander hier und weltweit scheint tatsächlich sehr vernetzt. Ausgeprägter als andere Branchen wie beispielsweise das Friseur- oder auch Restaurant-Fach. Das hat man auch in dem Film „Schumanns Bargespräche“ über Charles Schumann sehr gut gesehen. Diese Vernetzung ist eine große Chance für die Szene. Um sich auszutauschen, Emotionen zu teilen, vielleicht auch um alternative Ideen zu stemmen. Ich glaube, das passiert gerade jetzt. Ein gutes Beispiel ist Hannes Gruber von der Kneipenbar Mysliwska in Kreuzberg, der einen Streaming-Dienst für Künstler projektiert. Viele Bars bieten Cocktail-Lieferdienste, aus allen Ecken kommt was. Vielleicht ist das nicht finanziell erfolgreich, aber es hilft, aktiv zu sein und diese Aktivitäten in den nächsten Wochen und Monaten in diese schlimme Phase zu integrieren. Damit wir die reale Angst, für die wir nicht selbstverantwortlich sind, akzeptieren lernen, sie nicht zum Tagesbegleiter werden zu lassen. Wir müssen aushalten, dass die Angst und eine noch nie da gewesene Unsicherheit da sind, aber wir dürfen uns davon nicht leiten lassen.

»Gemeinsam werden wir Lösungen und Antworten finden und uns als Gesellschaft neu definieren. Ich bin optimistisch.«

— Holger Kuntze

Zu den Lieblingsbars von Holger Kuntze zählen die Loos Bar in Wien, das Les Fleurs du Mal in München sowie die Victoria Bar in Berlin

MIXOLOGY: Bartender gelten als offene, kommunikative Menschen, die als Gastgeber die Nähe zum Gast brauchen. Neben den wirtschaftlichen Einbußen brechen nun auch Geselligkeit und das Gastgeber-Dasein weg. Die Alternative Homeoffice gibt es nicht. Wie füllt man diese Leere?

Holger Kuntze: Unter Menschen zu sein, ein Lächeln zu empfangen und zu erwidern, Gastgeber zu sein – wesentliche Persönlichkeitsaspekte von Bartendern, die sie nun nicht ausleben können. Man sollte herausfinden, was man aktuell in dieser Situation tun kann, um diese Aspekte dennoch so gut wie möglich in dieser Extremsituation, den nächsten Wochen und Monaten ein wenig einbetten kann. Lasse ich mich davon leiten, oder entscheide ich mich dagegen, betreibe Sport, suche nach Projekten oder Alternativen, tausche mich aus und vernetze mich.

Old Fashioned (moderne Interpretation)

Zutaten

6 cl Rye oder Bourbon Whiskey (nach Wahl)
1 BL Zuckersirup
1 Dash Aromatic Bitters
1 Dash Orange Bitters

MIXOLOGY: Gibt es vielleicht auch etwas Positives, das man aus dieser Krise, die uns vermutlich noch länger in Schach halten wird, ziehen kann?

Holger Kuntze: Gesellschaftlich betrachtet würde ich das bejahen, weil wir in gestärkter Solidarität aus dieser Krise hervorgehen werden. Gemeinsam werden wir Lösungen und Antworten finden und uns als Gesellschaft neu definieren. Ich bin optimistisch. Ob das individuell auf jeden zutrifft, kann ich nicht sagen. Nicht für jeden bedeutet Krise immer eine Chance oder ein gutes Ende. Denken wir an persönliche, falsche gefällte Entscheidungen oder Unfälle, die uns ein Leben lang beeinträchtigen. Ereignisse oder Krisen können das Ende eines langen steinigen Weges mit Beginn von etwas Neuem bedeuten. Ob es immer etwas Gutes ist, das wissen wir nicht.

MIXOLOGY: Wir waren schon vor der Corona-Krise eine digital vernetzte Gesellschaft. Nun schränkt das Virus den direkten Sozialkontakt ein. Kommunikation wird noch stärker ins Digitale verlagert. Wird das unsere Gesellschaft zukünftig stärker formen?

Holger Kuntze: Ich glaube das nicht, eher wird das Gegenteil eintreten. Wir sind dankbar für diese Möglichkeit der Digitalität. Ohne digitale Kommunikation würden wir in der aktuellen Situation durchdrehen, wenn face to face, das klassische Analoge, nun komplett wegbricht. Aber ich denke, wir werden in einigen Wochen unendlich erleichtert sein, diese nicht mehr und beinahe ausschließlich nutzen zu müssen. Der Mensch hat Lust auf reale Kontakte, weil er ein Gruppen- und Gemeinschaftstier ist. Wir werden so dankbar sein, wieder in eine Bar gehen zu können.

MIXOLOGY: Das finden wir natürlich auch. Herr Kuntze, vielen Dank für das Gespräch.

Holger Kuntze ist lösungsfokussierter Psychotherapeut in Berlin. Als solcher unterstützt er im Rahmen von Einzel- oder Paartherapien in belastenden Situationen, Krisen und wichtigen Wende- oder Scheidepunkten des Lebens. Als Therapeut bezieht er sich primär auf die Ansätze und Methoden der lösungsfokussierten Kurztherapie nach Steve de Shazer und Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) nach Steven C. Hayes. 2018 erschien sein Bestseller „Lieben heißt wollen“.

Anmerkung: Das Interview wurde von Homeoffice zu Homeoffice geführt.

Credits

Foto: Sabine Engels Potsdam

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