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Gin Tonic | Geschichte, Trends & die perfekte Zubereitung

Der Collins & seine Anverwandten, Teil 9: Gin & Tonic

Der Gin & Tonic ist das Resultat einer langen Reihe von Entwicklungen, Gebräuchen und Mythen. Mit einem Mythos räumen wir in Teil 9 der Serie über den Collins auf: Dass der heute bekannteste Longdrink der Welt von Offizieren der britischen Marine erfunden wurde.

Der Gin & Tonic ist eine Erfindung britischer Offiziere. Bei ihrer Stationierung in Indien nahmen sie in Sodawasser gelöstes Chinin gegen Malaria ein. Diese Medikation war ihnen jedoch zu bitter, und sie gaben zur Geschmacksverbesserung Zucker, Zitronensaft und Gin hinzu und erfanden so den Gin & Tonic. So oder so ähnlich wird es meistens berichtet. Doch diese Geschichte ist falsch. Begeben wir uns also auf Spurensuche nach den wahren Ursprüngen des Gin & Tonics.

4 cl Gin
8 cl Tonic Water
Zubereitung: Im Highballglas auf Eiswürfeln zubereiten und servieren

Der Gin Punch als Medizin

Wie bereits in der Folge über den Gin Punch beschrieben, wurde dieser auch bei Malaria verschrieben, da man mit ihm die Wassersucht behandelte. Manchmal wurde zusätzlich auch Chinarinde eingenommen. Betrachtet man diese beiden Fakten, so liegt der Schluß nahe, das aus der Chinarinde extrahierte Chinin in Form von Tonic Water mit dem Gin Punch zu kombinieren, und dieses als Medizin zu sich zu nehmen. Doch diese Annahme stimmt nicht, wie sich im Folgenden noch zeigen wird.

Die Entstehung des Gin & Tonic

Man kann jedoch sehr wohl postulieren, dass nicht nur britische Soldaten und Weltreisende an Chinarinde und Gin Punch gewöhnt waren, denn Malaria gab es auch in Europa. So ist es nur schlüssig, dass zunächst aus dem Gin Punch durch Verwendung von Sodawasser der Collins entstand, und von diesem inspiriert dann durch Verwendung von Tonic Water der Gin and Tonic, wobei man den Zitronensaft des Collins durch die Zitronensäure des Tonic Waters ersetzte.

Chinarinde

Die heilende Wirkung von Chinarinde bei Malaria entdeckte man wohl um 1570 in der Gegend von Loja, einer Stadt in Ecuador. Es gibt zahlreiche Legenden, und Sigmund Graf fasst sie 1824 sehr schön zusammen: „Das meiste, was uns bekannt ist, beruht auf Sagen, die zum Theil fabelhaft, zum Theil … mit den dortigen Local- und andern Verhältnissen im Widerspruche sind. De la Condamine … erzählt eine alte, am wenigsten glaubwürdige Sage, nach welcher amerikanische, ungemähnte Löwen (Felis concolor) die erste Ursache der Entdeckung der Fieberrinde gewesen seyn sollen, indem sie fieberkrank instinktmässig von ihr gekaut und geheilt worden seyn sollen. Geoffroy … sagt, es wären einige Fieberrindenbäume vom Winde umgeworfen in einen Sumpf gefallen, und hätten dem Wasser eine solche Bitterkeit mitgetheilt, dass Niemand davon trinken konnte, bis endlich ein Eingeborner am heftigsten Fieber leidend, seinen Ekel überwunden, und da er kein anderes fand, von diesem Wasser getrunken hatte. Er soll hierauf geheilt worden seyn, und seine Mitbrüder mit den Heilkräften der Fieberrinde bekannt gemacht haben.

Er berichtet auch von der Gräfin von Chinchon, die auf wundersame Weise durch Chinarinde geheilt wurde. Doch Alexander von Humboldt bringt es bereits 1807 auf den Punkt: „Die so oft nachgeschriebene Geschichte der Gräfin Chinchon, Vicekönigin von Peru, ist wohl noch zweifelhafter als man gemeinhin glaubt.“ Auch von allen anderen Hypothesen ist er nicht überzeugt. Sigmund Graf fasst Humboldts Worte 1824 so zusammen: „In Loxa ist kein Document vorhanden, welches die Geschichte der Erfindung der Cinchona aufklären könnte. Doch geht daselbst die alte Sage, die Jesuiten hätten beim Holzfällen nach Landessitte durch Kauen der Rinde die verschiedenen Baumarten unterschieden, und seien bei dieser Gelegenheit auf die groſse Bitterkeit der Cinchona aufmerksam geworden. Da unter den Missionairen stets Arzneykundige waren, so hätten, sagt man, diese den Aufguſs bei der gewöhnlichen Krankheit der Gegend, dem Tertianfieber, versucht.

Nichtsdestotrotz wurde die Gattung der Chinarindenbäume von Carl von Linné 1742 „Cinchona“ genannt, nach der Gräfin von Chinchona. Allerdings vergaß er im Gattungsnamen ein „h“. Die deutsche Bezeichnung Chinarindenbaum bezieht sich weder auch China noch auf die Gräfin. Vielmehr liegt der Ursprung wohl im Quechua-Wort kina-kina, welches manchmal auch quina-quina geschrieben wird, und dieses bedeutet „Rinde der Rinden“, auf die Rinde als Heilmittel bezugnehmend. Andere Bezeichnungen sind fever tree, quina, calisaya, Peruvian bark oder jesuit’s bark. Bereits in den 1580er-Jahren begann man damit, die Rinde nach Europa zu exportieren.

Chininwein

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts stellte Robert Talbor aus Chinarinde und Wein ein Heilmittel zur Fieberbekämpfung her, das man „English Remedy“ nannte. Er hielt seine Rezeptur zunächst geheim, doch gab er sie dem französischen König Louis XIV mit der Auflage, sie erst nach seinem Tod zu veröffentlichen, was 1682 geschah.

Bereits im 18. Jahrhundert gibt es regelmäßige Empfehlungen der britischen Marine, Chinarinde in Grog aufgelöst als Mittel gegen Fieber einzunehmen. Doch die schriftlichen Quellen lassen den Schluß zu, dass eindeutig Chininwein bevorzugt wurde. Sie belegen auch, dass in der britischen Marine, bei den Soldaten und in den Kolonien auch nach Erfindung des Tonic Waters grundsätzlich Chininwein gegen Malaria und andere Fieber verabreicht wurde. Erst wenn dieser ausgetrunken war, löste man behelfsweise Chinin auch in Rum auf. Allerdings scheint Chininwein zunächst nur vereinzelt genommen worden zu sein. Nur so läßt sich erklären, dass in den Schriften aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Expeditionsberichte existieren, die darüber berichten, wie erfolgreich eine Chiningabe als Prophylaxe die Sterblichkeit der Teilnehmer reduziere. Dies war zur damaligen Zeit anscheinend eine neue Erkenntnis. Wäre es bereits allgemein bekannt gewesen, hätte man sicherlich nicht so ausführlich darüber berichtet.

Der erste Beleg dafür, dass man Chinin in Gin löste, respektive dem verwandten Genever, stammt aus dem Jahr 1841. Ein Tourist beschwert sich über eine Reise nach Holland, wo man Genever und Chinin trinken müsse, um Malaria fern zu halten.

Tonic Water hingegen wird nie als Heilmittel erwähnt. Wir müssen uns also von der Vorstellung verabschieden, man hätte dieses gegen Malaria eingenommen. Dazu wäre im übrigen auch die darin enthaltene Menge an Chinin nicht hoch genug gewesen, wie moderne Studien und ein aus dem Jahr 1883 stammendes Rezept für Tonic Water belegen.

Chinin

Ein wichtiger Schritt hin zum Tonic Water war die Extraktion der in der Chinarinde enthaltenen Alkaloide. Dies gelang den Franzosen Joseph Bienaimé Caventou und Pierre-Joseph Pelletier im Jahr 1820. Das so gewonnene Chinin löst sich jedoch schlecht in Wasser, es sei denn, man gibt etwas Säure hinzu. Noch besser löst es sich in Alkohol.

Interessanterweise war Chinin auch etwas, das man in Cocktails konsumierte. In seinem Buch über Panama aus dem Jahr 1855 beschreibt Rober Tomes, dass man dort nicht nur Chinin-Pillen zu sich nehme, sondern häufig auch Cocktails trinke, bei denen die Bitterstoffe durch Chinin ersetzt worden seien.

Pitt‘s Patent Tonic Water

Der erste Hinweis auf chininhaltiges Sodawasser ist eine Anzeige im Bristol Mercury aus dem Jahr 1835. 1858 schließlich erhält Erasmus Bond ein Patent für „an improved aerated liquid, known as Quinine Tonic Water“. Auf der Internationalen Ausstellung von 1862 bewirbt man dieses mit den Sätzen „Seine Eigenschaften sind säurehemmend, kühlend und erfrischend, kombiniert mit allen Vorteilen des Sodawassers; es gibt dem Magen Stärke und dem gesamten Nervensystem Tonus, und ist besonders geeignet für Personen, die sich durch geistige oder körperliche Erregung deprimiert fühlen, und verleiht denen Kraft, die unter nervöser Reizung, Verdauungsstörungen oder Appetitlosigkeit leiden.

Schweppes und andere Anbieter

Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten. Anfang der 1870er Jahre gab es Produkte zahlreicher Mitbewerber, darunter auch Schweppes Indian Tonic Water. Im Gegensatz zu Pitt‘s Patent Tonic Water wurde in ihm Zitronensäure statt Schwefelsäure zur Verbesserung der Chininlöslichkeit eingesetzt. Beim Studium der Quellen muss man übrigens beachten, dass man unter einem Tonic Water im Gegensatz zu heute nichts weiter als ein Heilwasser verstand. Wichtig sind Zusätze wie in „Quinine Tonic Water“ oder auch „Indian Tonic Water“, die auf enthaltenes Chinin hinweisen. Nur dann handelt es sich wirklich um ein Tonic Water im heutigen Sinne.

Berichte über den Gin and Tonic

Der erste Hinweis auf Gin and Tonic findet man 1868 im Oriental Sporting Magazine. Dort heißt es im Zusammenhang mit Pferderennen: „Laute Rufe von „Gin und Tonic“, „Brandy und Soda“, „Cheroots“ &c., sagten uns, dass die Party für die Nacht beendet sei, und wir gingen nach Hause …

1881 beschwert sich ein Leser der Sporting Times: „Warum … ist Tonic Water in England … nicht zu beschaffen? Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Indien verbracht und bin jetzt gerade nach sechs Jahren Aufenthalt in diesem Land zurückgekehrt. … Wir haben Brandy and Soda sowie andere Getränke, die in diesem wunderbaren Land erhältlich sind, aber wir finden hier nicht das Getränk, dem in Indien am meisten zugesprochen wird, nämlich Gin und Tonic. Natürlich gibt es Gin, aber wo ist das Tonic?

Alle Quellen weisen darauf hin, dass man Gin & Tonic nicht als Medizin, sondern als Erfrischungsgetränk zu sich nahm. So berichtet auch Rudyard Kipling, Autor des Dschungelbuches, 1885 zwar über Gin & Tonic, aber auch darüber, dass man trotzdem Chinin gegen Malaria einnahm.

Man darf nicht vergessen, dass sowohl Tonic Water als auch Eis relativ teuer gewesen sein müssen. Nicht ohne Grund beschwerten sich noch 1896 junge Teepflanzer in Ceylon. Ein dorthin Reisender berichtet: „Sie gingen nicht oft nach Colombo, aber sie waren oft in den Bungalows der anderen zu finden, und Whisky und Gin Tonics und Tabak schienen die Last des Tages etwas zu lindern und zu erleichtern. … Natürlich meckern junge Männer: Das Klima ist anstrengend, Gin Tonics sind teuer, die Löhne sind niedrig, die Beförderung ist langsam, die Gesellschaft ist begrenzt, die Isolation von Büchern, Theatern, Musik und dem Trubel in London ist schmerzhaft;

Schmerzhaft war sicherlich auch die Rationierung von Chinin während des zweiten Weltkriegs, denn dadurch fehlte es an Tonic Water. Erst danach wurde der Gin & Tonic auch in den USA populär. Zunächst galt er noch als etwas Exotisches, doch er wurde in den 1950er und 1960er Jahren stark beworben und konnte sich so auch jenseits des Atlantiks etablieren.

Comments (1)

  • Waldemar Bornemann

    Chapeau bas!

    reply

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